97. Jahrestagung der DOG 1999

V 285

ZUM AUGE ALS ANGSTCHIFFRE IN DER GESCHICHTE

A. Henning

Weltweit gehört zum Monoculus die angstbesetzte Konnotation des Bösen Blicks, den als Mythos exemplarisch der Zyklop Polyphem in Homers Odyssee verkörpert. Seine Blendung als symbolische Vergewaltigung verdeutlicht extreme männliche Angst angesichts des Weiblichen, die dessen Geschlecht in ein Auge transformiert. Die arch-aische weibliche Metaphorik des Auges zeigt die Korrespondenz des 5400 Jahre alten sumerischen Schriftzeichens NAM2, das sich auf die Mondgöttin Inanna bezieht, mit dem phänomenologisch identischen chinesischen „mù" für Auge. In der Tradition der mesopotamischen Muttergottheit steht die minoische Göttin Kore (Persephone) als Jungfrauaspekt der Demeter. Ihr Name bedeutet griechisch Mädchen, Auge, Pupille. Bei Homer wird die durch Odysseus' Gewalttat nicht aufgelöste Angst behoben durch die Vermenschlichung der Zauberin-Göttin Kirke, die Männer in Schweine verwandel-te, als sie, sich mit Odysseus gleichstellend, mit diesem das Bett teilt. Der monokulare „Böse Blick" ist aufgehoben im menschlichen je zweier Augen in der Liebe. Die Indivi-duation des Odysseus widerspiegelt die Bewältigung matriarchaler Strukturen. Die göttliche Kreativität des weiblichen Geschlechts symbolisieren romanische „Chri-stus in der Mandorla (mandelförmige Aureole)"-Ikonographien, mehr noch spätere analoge russisch-orthodoxe, und die eiförmige Kosmos-Vision Hildegards von Bingen aus „Scivias" (1165), die ihr Geschlecht als unabdingbar offenbart für die Menschwer-dung Gottes. Die ansteigende Last feudal-hierarchischer Unterdrückung wie der Inqui-sition und klerikaler Frauenverachtung transformiert die Geschlechtschiffren wiederum in monokulare bei den „Augen" gotischer Rundfenster in dreieckigen Westgiebeln von Kirchen, vorzüglich bei St. Lorenz in Nürnberg, begleitet von Änderungen der mittel-alterlichen „Madonna mit Kind"-Darstellungen vom Typ der „Madonna Platytera" zur "Schutzmantel-Madonna". Diese signalisieren die zunehmende Infantilisierung kleri-kal Bevormundeter. 1487 bedroht Hieronymus Bosch auf dem Bild „Der Tisch" inqui-sitorische Hexenverfolger mit dem auferstandenen Christus als Püppchen in der Pupil-le eines Auges, das alles sieht, wie im Barock das dreieckig gefaßte „Gottesauge" Untertanen, solcherart die absolutistische Ordnung symbolisch angeblich göttlich legi-timierend, um sie zu sichern. Ihm entsprechen heute Überwachende monokulare Video-kameras an Hochsicherheitstrakten von Gefängnissen, an Militärobjekten, bei Einrich-tungen im Dienst der Staatssicherheit. Die weibliche Augenmetaphorik archaischer Sprachchiffren erhellt u.a. den Schaffens-prozeß Pablo Picassos bei seiner Arbeit an „Guernica" im Mai 1937.

Dr. med. Aloys Henning, Spandauer Straße 104K, D-13591 Berlin


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