98. Jahrestagung der DOG 2000
P 170
Organisierte präfoveale Blutung nach HLA-identischer Knochenmark-Transplantation bei aplastischer Anämie: Visusrehabilitation durch glaskörperchirurgische Entfernung der Membrana limitans interna
J. Bretzke, W. Göbel
Neben allgemeinem Krankheitsgefühl, opportunistischen Infektionen und Kreislaufschwäche wird die aplastische Anämie bei bestehender Panzytopenie häufig durch vermehrte Blutungsneigung symptomatisch. Hautblutungen an den Extremitäten, am Stamm oder im Gesicht (z.B. Augenlider) können sichtbare Symptome sein. Bei etwa einem Drittel der Patienten werden retinale Blutungen beschrieben.
Kasuistik: Ein 26-jähriger Student bemerkte neben körperlicher Abgeschlagenheit rezidivierende Hautblutungen im Bereich der Oberlider, die sich zunächst spontan zurückbildeten. Später traten Hautblutungen an Beinen und Stamm sowie Schleimhautblutungen von Nase und Zahnfleisch hinzu. Das Blutbild zeigte eine pathologische Trizytopenie. Nach stationärer Aufnahme ergab die Knochenmarkpunktion den weitgehenden Ersatz des blutbildenden Markes durch Fettmark. Pathologische Zellen fanden sich nicht. Es existierte ein eineiiger Zwillingsbruder, der gesund war.
Am Aufnahmetag klagte der Patient über ein plötzlich aufgetretenes Verschwommensehen am rechten Auge. Die augenärztliche Untersuchung ergab präretinale Blutungen an beiden Augen, rechts war es zu einer präfovealen Blutung gekommen (Visus OD: 1/25; OS: 1,0). Aufgrund der erhöhten Blutungsneigung und dem vital bedrohlichen Allgemeinzustand wurde bezüglich des Augenbefundes zunächst eine abwartende Haltung vereinbart.
Vier Wochen nach erfolgreicher Knochenmark-Transplantation vom Zwillingsbruder und weitgehender Normalisierung des peripheren Blutbildes war es zur Organisation der präfovealen Blutung am rechten Auge gekommen. Die übrigen Netzhautblutungen beidseits zeigten eine gute spontane Resorption (Visus OD: 0,1; OS: 1,0).
Zur Vermeidung sekundärer Schädigung der fovealen Rezeptoren und mit dem Ziel der Visusrehabilitation wurde jetzt am rechten Auge eine Pars-Plana-Vitrektomie mit Entfernung der Membrana limitans interna und Luft/SF6-Endotamponade vorgenommen. Die organisierte zentrale Blutung konnte vollständig entfernt werden. Der postoperative Verlauf war komplikationsfrei. Bei einer Kontrolluntersuchung nach 6 Wochen zeigte sich eine vollständige Visuserholung (Visus OD: 1,0; OS: 1,25).
Schlußfolgerung: Präfoveale Blutungen unter die Membrana limitans interna bei aplastischer Anämie können, bei mangelhafter Spontanresorption, im Intervall nach KM-Transplantation erfolgreich glaskörperchirurgisch therapiert werden. Besonders bei vital bedrohlichem Krankheitsbild, gilt es unnötige Operationsrisiken zu vermeiden. Das vorliegende Beispiel zeigt, dass eine Visusrehabilitation durch einen Elektiveingriff nach Normalisierung des peripheren Blutbildes erreicht werden kann.
Universitäts-Augenklinik, Josef-Schneider-Straße 11, D-97080 Würzburg
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