Die Linse ist unter den transparenten Geweben des Auges ein sehr bradytroph eingestelltes Kompartiment mit relativ xenobiotischem Stoffwechsel. Sie besitzt eine spezifische Proteinzu-sammensetzung deren optische Eigenschaften durch ein feine Abstimmung der räumlichen Struktur mit der oberflächlichen Ladungsverteilung und folglich auch mit dem Hydratmantel zusammen hängt. Die proteingebundenen SH-Gruppen werden durch eine hohe Konzentration an reduziertem Glutathion vor der Oxidation and Vernetzung geschützt (Redoxpotential). Ihr molekularer Aufbau und ihre tertiäre und quartäre Faltungsstruktur sorgen für eine hohe räumliche und zeitliche Stabilität (Hitze-Schock-Proteine) speziell der großen Linsenkristalline, die die eingestrahlte Energie (kurzwelliges Licht, Ultraviolet- und Infrarot-Strahlung) über ein langes Zeitfenster mit nur geringen Veränderungen in ihrer optischen Qualität absorbieren können. Daraus ergibt sich zusätzlich eine beachtliche Schutzfunktion (chaperon) auch für die Aktivitätserhaltung einiger Enzyme des Kohlenhydratstoffwechsels der Linsen. Dieser Stoffwechsel läuft relativ anaerob ab (wenig Energieausbeute), muß aber die notwendige Energie bereitstellen um die Proteinsynthese, den Stofftransport und die Membransynthese zu erhalten. Hinzu kommt eine syncytiale Versorgung der älteren, zellkernlosen Faserschichten der Linse durch das Epithel und die dünne Schicht kernhaltiger Faserzellen. Hieraus resultiert ein deutlicher Stoffwechselgradient von außen nach innen in der Linse, der dadurch kompliziert wird, daß als eine Art Reparatur geschädigte Faserzellgruppen von der weiteren Versorgung abgekoppelt werden können (Keil- bzw. Sektorenkatarakte). Die Epithelzellen der Linse und speziell deren DNA unterliegen einem regelmäßigen Belichtungs- und Bestrahlungsstreß, der zu Veränderungen in der Erbinformation führt. Aufgrund der fehlenden Möglichkeit, defekte Epithelzellen aussondern zu können, werden diese entweder zerstört (Apoptose, Nekrose) oder an die hintere Linsenkapsel verschoben, wo sie zur Ausbildung hinterer subkapsulärer Katarakte beitragen. Altern verschlechtert die Gesamtleistungsbilanz des Linsenstoffwechsels und erhöht damit die Empfindlichkeit gegenüber schädigenden Einflüssen. Somit bereitet Altern den Boden auf dem kataraktogene Noxen wirken und sich verstärken können und damit zur Ausbildung einer Vielfalt von Kataraktformen führen können, die in der überwiegenden Zahl gekennzeichnet sind durch hohe Lichtstreuung und Verfärbung.
Abteilung für experimentelle Ophthalmologie, Zentrum für Augenheilkunde der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn