98. Jahrestagung der DOG 2000
R 219
Sinnespathophysiologie des Glaukoms
M. Korth
Einleitung: In der sensorischen Glaukomdiagnostik markiert der konventionelle perimetrische Schaden als Spätsymptom den Beginn der lokalen Erblindung. Dies könnte an der starken Überlappung rezeptiver Felder (Redundanz) liegen. Daher sollten frühdiagnostische Verfahren mehr das wenig redundante magnozelluläre (M-) und blauempfindliche parvozelluläre (P-) System prüfen als das redundante rot-grün empfindliche P-System.
Methoden: An psychophysischen Verfahren wurde die zeitliche Kontrastempfindlichkeit (KE) im Ganzfeldreiz (Erlanger Flimmertest") und die zeitlich-örtliche KE mit alternierenden Mustern untersucht. An elektrophysiologischen Untersuchungen kam das Muster-ERG im Helligkeits- (HK) und Rot-grün-Farbkontrast (FK), das konventionelle Blitz-ERG und das multifokale (MF) ERG zum Einsatz sowie das Muster-VEP im HK und FK, das Blau-auf-Gelb- (BG) VEP, das Bewegungs- und Stereo-VEP. Es wurden Normale und Patienten mit OHT und Glaukomen des Erlanger Glaukomregisters untersucht.
Ergebnisse: Die zeitliche KE kann bereits im OHT-Stadium vermindert sein, die örtlich-zeitliche KE erst mit Beginn des Papillenschadens. Beide Tests dürften überwiegend M-Zellfunktion prüfen. Das Muster-ERG ist mit HK (M-Bahn) in einem früheren papillometrischen Stadium reduziert als mit FK (P-Bahn). In fortgeschrittenen Glaukomen ist im MF-ERG die sog. Sehnervenkopfkomponente stark reduziert. Im BG-VEP (blauempfindliche Bahn) treten Veränderungen mit Beginn des Papillenschadens und vor Gesichtsfelddefekten auf. HK- und FK-VEPs sind weniger empfindlich als das BG-VEP. Signifikante Veränderungen im Bewegungs- und Stereo-VEP (M-Bahn) zeigen Schädigungen der entsprechenden Funktionen an. Mit Zunahme des Papillenschadens ändern sich die Sensitivitäten in verschiedener Weise: In Frühstadien ist z.B. die zeitliche KE am empfindlichsten, die Perimetrie am unempfindlichsten, in Spätstadien verhält es sich umgekehrt.
Diskussion: Eine hierarchische Anordnung der Tests zeigt i.a. eine höhere frühdiagnostische Sensitivität für nicht-redundante Systeme (M- und blauempfindliche Bahn) als für redundante P-Systeme. Elektrophysiologische Tests sind i.a. weniger empfindlich. In fortgeschrittenen papillometrischen Stadien dagegen könnten sich andere als M-Zell-Tests für die Verlaufsanalyse besser eignen.
Augenklinik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Schwabachanlage 6, D-91054 Erlangen
Zurück