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XV. Zusammenkunft der Julius-Hirschberg-Gesellschaft
27. - 29. September 2001 in Hamburg
in Verbindung mit der 100-Jahrfeier der DGGMNT
28. Sept.- 1.Oktober 2001
Summaries
in der Reihenfolge des Vortragsprogramms
Liliane Bellwald (Luxembourg):
Ophthalmica und andere medizinische Hilfsmittel
in der Augenheilkunde des beginnenden 14. Jahrhunderts bei Guy de Chauliac
und Henry de Mondeville
Von Augentropfen und Salben, von Diät und Abfühmitteln, von
Sehhilfen und wilden EseIn wird die Rede sein. Der Augenarzt des beginnenden
14. Jahrhunderts nützt auch Brenneisen, Schröpfköpfe und
die Chirurgie. Der chirurgische Eingriff beinhaltet selbstverständlich
eine akurate Vorbereitung und Nachbehandlung, dies wiederum unter Zuhilfenahme
von medizinischen Mitteln. Die eigentlichen Ophthalmica enthalten Ingredienzien
aus der Pflanzenwelt, dem Tierreich und der Mineralogie.
Von der Alraune zum Bilsenkraut, vom Weihrauch zu den Perlen, vom Antimon
zum Honig und zur Frauenmilch führt die mittelalterliche Pharmakopoe.
So findet das Eiweiss Anwendung bei der Verschönerung der Manuskripte,
aber auch Verwendung in der Augenheilkunde. Vom Theriak und der sogenannten
Dreckapotheke geht die Rede. Magie und Astrologie beeinflussen die therapeutischen
Massnahmen. Die psychologische Betreuung ist nicht zu vernachlässi
gen.Unter anderen werden Galen und Plinius uns begegnen.
Hatten die Ophthalmica und andere Arzneimittel jener Zeit
überhaupt eine pharmakologische Wirkung? Wie beschaffte man sich
die verschiedenen Substanzen? Die Seidenstrasse und der Mittelmeerraum
spielen eine Rolle. Wir werden einen Blick in die Klostergärten
werfen und sehen wie man Medikamente herstellte und aufbewahrte. Konnten
Ärzte wie Guy de Chauliac und Henry de MondeviIle sich schon damals
auf einen professionellen Apotheker verlassen, oder mussten sie die
Arzneimittelherstellung selbst übernehmen? Gab es, auch aus pharmako
logischer Sicht, eine Zweiklassenmedizin?
Auf welche Sehhilfen konnte der Mensch im 14. Jahrhundert zurückgreifen?
Und war der Patient leicht vom Gebrauch dieser Möglichkeiten zu
überzeugen?
Die Manuskripte der beiden grossen Ärzte geben interessante und
oft überraschende Antworten auf diese Fragen und führen uns
in eine bewegte, farbige umd nicht ungefährliche Zeit.
Adresse:
Dr. med. L. Bellwald, B.P. 1268, L-1012 Luxembourg
Vortragsprogramm
Gerhard Keerl (Düsseldorf):
Der blinde Heerführer der Hussiten, Johann von Ziska
Über die ersten Lebensjahrzehnte des böhmischen Heerführers
Johann Ziska (Jan ika) von Trocznow sind nur wenige und widersprüchliche
biographische Daten überliefert. So ist fast nichts über seine
Familie, wohl eine niedere Adelsfamilie, wie auch über Art und Zeitpunkt
der Erblindung seines ersten Auges bekannt. Um die Umstände seiner
Geburt ranken sich Legenden. Geboren um 1360, begann seine politische
Rolle erst 1409 während der Aufstände der Anhänger des
Kirchenreformers Huß. Entgegen dem Kaiserwort auf freies Geleit
hatte man Huß auf dem Konzil zu Konstanz verbrannt. Ziska wurde
der Anführer der Taboriten und kämpfte gegen Kaiser Sigismund,
gegen die römisch-katholische Kirche und für soziale Reformen.
Unter Zerstörung von Klöstern und nicht reformwilligen katholischen
Orden durchzog er mehrere Jahre das Königreich Böhmen. Die letzten
Jahre seines Lebens führte Ziska seine Truppen in völliger Blindheit.
Bei der Belagerung der Burg Raby hatte er das zweite Auge verloren. Er
wird zu den bedeutenden Heerführern und Taktikern gerechnet. Sein
Leben, das 1424 durch eine Infektionskrankheit endete, fand außer
der historischen Dokumentation auch in der heroisierenden Poesie Niederschlag.
(English)
Adresse: Dr. med. G. Keerl, Droste-Hülshoffstraße 2,
D-40474 Düsseldorf
Vortragsprogramm
Franz Daxecker (Innsbruck):
Johann Georg Fuchs Medicus, privileg. Oculist und
Operateur
Auf einem Flohmarkt in Innsbruck fand sich ein Kupferstich (25x17 cm)
eines wohlbeleibten, reich gekleideten mit einer Perücke geschmückten
Mannes. Das Porträt trägt die Umschrift IOHANN GEORG FUCHS MEDICUSPRIVILEG.
OCULIST ET OPERATEUR. Aetat. Suae 30. An den Ecken sind vier Wappenschilder:
das des Kaiser Karls VI., das Wappen des Fürst bischofs Georg Ludwig
von Berghen von Lüttich, der Stier als Symbol des Evangelisten Lukas
(Lukasbruderschaft), der vierte Wappenschild ist unklar, ev. der einer
Abtei im Bistum Lüttich. Unten befindet sich noch das Wappen des
Oculisten mit einem Fuchs und seinen Initialen. Am 24. Oktober 1729 hatte
Fuchs beim Kaiser ein Gesuch um Erteilung eines Ärzteprivilegs und
um ein Examen eingebracht und erhielt das Privileg am 5. November 1729.
In seinem Ansuchen führt Fuchs seine Kenntnisse in der Oculisten-,
Stein-, Bruch- und Wundarzneikunst an, daß er in Koblenz geboren
wurde (vermutlich um 1698) und in Brüssel seßhaft sei, seine Kenntnisse
habe er bei Michael Braun erworben. 1728 hatte Fuchs in Lüttich die
Erlaubnis zu praktizieren erhalten, diese Erlaubnis wurde 1746 erneuert
bevor ihn der neue Fürstbischof Johann Theodor von Bayern in seine
Dienste aufnahm. Johann Georg Fuchs hat die Augenheilkunde nicht revolutioniert,
sein Name steht mit keiner neuen Technik oder einem neuen Instrument in
Verbindung, er war ein wandernder Augenarzt und Operateur.
Bemerkenswert ist noch, dass der Vater Adalbert (18141886) des
berühmten Wiener Ophthalmologen Prof. Ernst Fuchs (*1851 in Wien,
1930, aus Lüttich nach Wien berufen) in Innsbruck als Professor
der Zoologie wirkte und auch Dekan der Philosophischen Fakultät
war. (English)
Adresse: Prof. Dr. F. Daxecker, Universitäts-Augenklinik,
Anichstraße 35, A-6020 Innsbruck
Vortragsprogramm
Peter-Paul Chaudron (Leiden):
Zum Okulisten Joseph Hilmer in den Niederlanden
Im 18. Jahrhundert gab es sehr viele ambulante Heiler unterschiedlicher
Art in ganz Europa. Manche Quelle erzählt die Geschichte von Steinschneidern,
Quacksalbern und Scharlatanen so, wie man sie allgemein kennt. So gab
es zahlreiche Therapeuten, die als Fahrende außerhalb der etablierten
Gesellschaft standen, andererseits eben so gut spezialisiert sein konnten
wie seßhafte Mediziner. Neben Verkäufern von Pulvern und Pillen
gab es also Spezialisten, unter ihnen auch Okulisten. Einer der vielen
Okulisten oder Staroperateure war Joseph Hilmer, Hofrat und Professor
und Medicinae Doktor.
Dieser Joseph Hilmer, Hofaugenarzt Friedrichs des Großen, wanderte
durch ganz Europa in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert. In
dieser Zeit kam er nachweislich drei Mal in die Niederlande: 1748, 1768
(als er rasch wieder verschwand) und 1770/1771. Grob geschätzt
behandelte er bei diesen Aufenthalten innerhalb von fünf Monaten
ungefähr dreißig Patienten pro Tag. Manchmal hatte er mehr
oder weniger Glück. Zuweilen wurden Patienten völlig blind,
wenn sie von ihm behandelt worden waren, und genau diese Fälle
sind bekannt.
In Holland waren zwei Instanzen für die Medizinalaufsicht verantwortlich:
die Chirurgengilde und das Collegium Medicum. Das letztere kannte man
nur in Universitätsstädten wie Leiden, Utrecht und Franeker.
Dort ist das meiste Quellenmaterial zu reisenden Operateuren zu finden.
Seßhafte Mediziner sahen in Hilmer den Quacksalber, wollten aber
selber nicht den Star operieren, weil sie dies nicht so gut konnten
wie Okulisten. Hilmer bat ihre Instanzen um Praxiserlaubnis, und oft
bekam er sie auch.
Meine Untersuchung spricht nur von Joseph Hilmer in den Niederlanden.
Ich meine, daß sein Verhalten dem anderer Okulisten gleicht, wie
Rothermel oder Ritter John Taylor. Diese haben damals ebenfalls die
Republik besucht.
Adresse: P.-P. Chaudron, F. Houttijnshof, 3 NL-2312 KP Leiden
Vortragsprogramm
Robert Heitz (Haguenau):
Zur Ophthalmoskopie unter Wasser
Am 12. November 1704 präsentierte der Arzt Jean Méry der Französischen
Königlichen Akademie der Wissenschaften in Paris seine Beobachtung,
daß bei einer unter Wasser getauchten Katze deren Retinagefäße
sichtbar wurden. Am 20. März 1709 führte Philippe de La Hire
dazu aus, daß dies durch die Aufhebung der kornealen Refraktion
bedingt wurde.
Mérys Experiment der Augen-Immersion zum Sichtbarmachen des
Fundus wurde wiederholt und später bei menschlichen Augen angewandt:
1845 durch Adolf Kussmaul, 1851 von Johann Nepomuk Czermak für
die Konstruktion des Orthoskops und 1891 von Oswald Gerloff für
die früheste publizierte gelungene Fotografie des menschlichen
Fundus. (English
/
Francais)
Adresse: Dr. med. Dr. phil. R. Heitz, 22 rue de lAqueduc,
F-67500 Haguenau
Vortragsprogramm
Aloys Henning (Berlin):
Zum Paradigmenwechsel bei der Staroperation ausgangs des
20. Jahrhunderts
1750 hat Jacques Daviel (1712-1762) den jahrtausendealten Starstich durch
die extrakapsuläre Kataraktextraktion ersetzt. Seine Operationstechnologie
liegt noch heute der Staroperation zugrunde und ist Voraussetzung für
den seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts methodisch angewandten
Ersatz der getrübten menschlichen Linse durch implantierte Kunststofflinsen.
In den jüngsten 90er Jahren haben minimalisierte invasive Operationstechniken
am Auge die von Daviel als Methode der Wahl durchgesetzte frontale schneidende
Eröffnung des Augapfels abgelöst zugunsten eines schonenderen
mehr seitlichen und punktförmigeren Ein dringens, das an den früheren
Starstich erinnert. Moderne Technologien lassen den Operateur weniger
aggressiv eingreifen, als zu Daviels Zeit notwendig war.
Die archaische Metaphorik des Auges kann diesen Wandel erhellen anhand
mythischer Bilder wie der Blendung des Zyklopen Polyphem, Ödipus,
der Blendung Papst Leos III. 798 und Bildern Pablo Picassos.
Deren rationales Fundament erweisen paläolithische Zeichnungen
aus Bilzingsleben vor 350.000 Jahren.
Adresse: Dr. med. A. Henning, Spandauer Straße 104 K, D.-13591
Berlin
Vortragsprogramm
Gerhard Holland (Kiel):
August Classen (18351889) Augenarzt und Philosoph
Julius Hirschberg bezeichnete August Classen als den größten
Philosophen unter den Augenärzten des 19. Jahrhunderts. Er wurde
in Lübeck geboren, besuchte dort das Katharineum, wo sein Vater Johannes
Classen als Professor tätig war. Dieser war ein bekannter Altphilologe
und Althistoriker, wurde später Direktor des Gymnasiums in Frankfurt
und anschließend des Johanneums in Hamburg. August Classen studierte
Medizin in Göttingen, Breslau und Frankfurt und war für drei
Monate Schüler von Albrecht von Graefe. 1856 promovierte er in Breslau
über das medizinhistorische Thema De medicis primorum medii
aevii seculorum. Ab 1858 war Classen Arzt in Rostock, anfangs als
Assistent unter Professor Strempel, dann als einziger Augenarzt in Mecklenburg,
seit 1860 mit einer Augenklinik. 1858 habilitierte er sich mit dem Thema
Untersuchung der Histologie der Hornhaut. 1872 wechselte er
nach Hamburg und erwarb dort die Augenklinik von Schelski. Der wesentliche
Grund für den Wechsel war die Einrichtung des ersten Lehrstuhles
für Augenheilkunde an der Universität Rostock unter Zehender.
Classens wissenschaftliches Interesse galt vor allem der Sinnesphysiologie
des Auges und in diesem Zusammenhang der Philosophie von Kant. 1876 erschien
seine Abhandlung Physiologie des Gesichtssinnes zum ersten Mal begründet
auf Kants Theorie der Erfahrung. 1886 folgte das Hauptwerk
Über den Einfluß Kants auf die Theorie der Sinneswahrnehmung
und die Sicherheit ihrer Ergebnisse. Darüber hinaus engagierte
sich Classen auch im öffentlichen Gesundheitswesen, schrieb über
Arbeiterwohnungen, die Cholera und veröffentlichte eine Schrift Das
Auge und seine Krankheiten für Gebildete aller Stände.
(English)
Adresse: Prof. Dr. G. Holland, Esmarchstraße 51, D-42105
Kiel
Vortragsprogramm
Gottfried Vesper (Leipzig):
Über die Augenerkrankung des deutschen Malers Ludwig
Richter (18031916)
Ludwig Richter, ein Maler der Romantik, stellte besonders friedvolle,
anmutige Motive aus dem Volksleben und Landschaften dar. Für die
Biedermeierzeit war er der Bildermann für deutsche Art und
Sitte.
Etwa 1858 begann Richters Augenerkrankung, aller Wahrscheinlichkeit
nach handelte es sich um degenerative Netzhautver- änderungen.(English)
Adresse: MR Dr. med. G. Vesper, Harnackstraße
9, D-04317 Leipzig
Vortragsprogramm
Frank Krogmann (Thüngersheim):
Feldmarschall Graf von Radetzky und seine Augenkrankheit
Anfang 1841 litt der k. k. Feldmarschall Graf von Radetzky an einer Augenerkrankung.
Die Professoren für Augenheilkunde Friedrich Jäger (Wien) und
Franz Flarer (Pavia) wurden aufgrund allerhöchster Entschließung
zu Konsiliarien bezüglich der Erkrankung Radetzkys bestimmt. Beide
stellten eine unheilbare Krebserkrankung fest. Aber der Stabsarzt Christoph
Hartung erreichte innerhalb einiger Monate eine vollständige Heilung
mittels der Homöopathie. Dieser Behandlungserfolg führte zu
erheblichen Kontroversen über den Nutzen der Homöopathie und
erregte zugleich große Aufmerksamkeit. Hartung erhielt dafür,
insbesondere aus dem Patientenkreis, höchste Anerkennung. (English)
Adresse: F. Krogmann, Kirchgasse 6, D-97291 Thüngersheim
Vortragsprogramm
Gregor Wollensak (Dresden):
Herzog Carl Theodors Tausend Staaroperationen
Herzog Carl Theodor von Bayern (18391909), ein Bruder von Kaiserin
Elisabeth (Sissi) und Vetter von König Ludwig II., wirkte als Augenarzt
in Tegernsee, Meran und zuletzt München, wo er 1895 eine private
Augenklinik gründete. Herzog Carl Theodor hat in seinem Leben an
die 6000 Kataraktoperationen durchgeführt.
1895 veröffentlichte sein langjähriger Assistenzarzt Dr.
Heinrich Zenker die Arbeit Tausend Staaroperationen, in
welchem er minutiös über die Ergebnisse von 1000 durch Herzog
Carl Theodor eigenhändig zwischen 1889 und 1893 durchgeführten
Kararaktoperationen berichtete. Die Staroperation wurde als sogenannte
kombi-nierte Extraktion mittels Graefe-Messer mit oberem Lappenschnitt,
oberer Iridektomie, Eröffnen der Linsenvorderkapsel mit Pinzette
und Entbinden des Kerns mit dem Kautschuklöffel als extrakapsuläre
Kataraktextraktion durch geführt und dauerte ca. 1012 Minuten.
Die Vorderkammer war im Durchschnitt nach 10 Tagen stabil. Vollnarkose
wurde in 47 Patienten angewandt, bei den übrigen lokale Betäubung
mit Kokaintropfen. Bei 68 Augen war der erzielte Endvisus 1,0. In 952
Fällen fand sich ein Visus über 0,16. Die erzielte Durchschnittssehschärfe
betrug 0,6.
An Komplikationen trat bei 5,7% Nachstar, in 4,6% Vorderkammerreizzustand,
in 1,3% Netz hautablösung, in 0,6% Endophthalmitis auf. Die durchschnittliche
postoperative Behandlungs dauer betrug 16 Tage. Insgesamt ist die Zahl
der Komplikationen erstaunlich gering und be zeugt, daß auch schon
Ende des 19. Jahrhunderts trotz Fehlens von Cortison, Antibiotika und
geeignetem Nahtmaterial die Kataraktextraktion routinemäßig
und mit gutem Erfolg durch geführt wurde.
Adresse: PD Dr. med. G. Wollensak, Augenklinik des Klinikums
Carl Gustav Carus der TU Dresden, Fetscherstraße 74, D-01307 Dresden
Vortragsprogramm
Jutta Herde (Halle):
Die Ophthalmologen Rudolf und Otto Schirmer
Rudolf Schirmer (10.3.1831 bis 27.1.1896), Sohn des Konsistorialrats Professor
A. Schirmer, absolvierte nach dem Gymnasium in Greifswald und Schulpforta
das Studium der Medizin in Göttingen und Greifswald. Studienreisen
führten ihn nach Wien, Paris und Berlin, wo er sich 1860 habilitierte.
Danach begründete er den augenärztlichen Unterricht an der Universität
Greifswald. Nach jahrelanger notdürftiger Versorgung von Augenpatienten,
zunächst seit 1871 in drei Zimmern der chirurgischen Klinik, ab 1873
mit 14 und später 20 Betten wurde unter seiner Leitung 1887 die neuerbaute
Augenklinik eröffnet, der er bis 1893 vorstand. R. Schirmer starb
am 27.1.1896 an Influenza-Pneumonie. Die Etablierung der Augenheilkunde
als selbständiges Fach, die praktische Tätigkeit, Arbeiten über
Refraktions- und Akkommodationsanomalien sowie über Erkrankungen
der Tränenorgane u.a. zählen zu seinen großen Leistungen.
Sein Sohn Otto Schirmer (13.12.1864 bis 6.5.1917) übernahm 1893
wegen zunehmender myopiebedingter Sehminderung seines Vaters das Lehramt.
Otto Schirmer hatte nach dem Studium der Medizin in München, Freiburg
und Greifswald die augenärztliche Ausbildung zunächst bei
seinem Vater in Greifswald, dann bei Rothmund in München und abschliend
bei Leber in Göttingen erfahren. Nach der Habilitation 1889 in
Göttingen war er von 1891 bis 1892 in Königsberg tätig.
1892 folgte er seinem Lehrmeister A. v. Hippel nach Halle, wechselte
aber 1893 an die Augenklinik Greifswald, wo er 1896 den Lehrstuhl für
Ophthalmologie übernahm. 1907 folgte O. Schirmer dem Ruf als Ordinarius
nach Kiel und kurz darauf nach Straßburg. 1909 emigrierte O. Schirmer
wegen eines tragischen Sturzes nach New York. Eine weitere wissenschaftliche
Entwicklung blieb ihm in Amerika versagt. Er starb am 6.5.1917 in Brooklyn
New York. Seine bedeutendsten Arbeiten Studien zur Physiologie
und Pathologie der Tränenabsonderung und Tränenabfuhr
und Sympathische Augenerkrankungen datieren aus der Greifswalder
Zeit. Der auf ihn zurückgehende Schirmer-Test hatte jedoch Vorläufer.
(English)
Adresse: Prof. Dr. J. Herde, Augenklinik der Martin-Luther Universität
Halle-Wittenberg, Magdeburger Straße 8, D-06112 Halle
Vortragsprogramm
Dieter Schmidt (Freiburg):
Carl Wilhelm von Zehender, der Vater der Mikrochirurgie
(1819-1916)
Carl Wilhelm von Zehender wurde am 21.5.1819 in Bremen geboren, aus einer
alten Berner Patrizierfamilie stammend. Er studierte in München,
Jena, Kiel und Göttingen Medizin. Nach der Promotion 1845 in Göttingen
praktizierte er als Arzt bis 1848 in Göttingen. Für das Fach
Augenheilkunde wurde er in Paris, Prag und Wien ausgebildet. Als Assistenzarzt
war er bei Professor Friedrich Jäger (Wien), später bei Albrecht
von Graefe (Berlin) tätig. 1856 wurde er Medizinalrat, als Mitglied
des Medizinalkollegiums in Neustrelitz. 1862 wurde er an die Universität
Bern (Lehrstuhl für Augenheilkunde) und 1866 auf den Lehrstuhl nach
Rostock berufen. Als Ordinarius für Augenheilkunde in Rostock blieb
er bis 1889. 1888 wurde er in den Adelsstand erhoben.
Er begann erstmals mit mikroskopischer Vergrößerung zu operieren,
nachdem er zusammen mit dem Hofmechaniker Heinrich Westien eine zehnfach
vergrößernde Binokulare Cornea lupe entwickelt
hatte, über die er 1887 erstmals berichtete.
Er begründete und redigierte die Klinischen Monatsblätter
für Augenheilkunde (1863 bis 1899), außerdem die Berichte
der Ophthalmologischen Gesellschaft Heidelberg (1862 bis 1895), zu deren
Gründern er ebenfalls gehörte. Er war Teilnehmer bedeutender
Internationaler Kongresse, vor allem in Paris (1867), London (1872),
Edinburgh (1894).
Seine zahlreichen Publikationen befaßten sich vorwiegend mit
Optik und Refraktion des Auges, klinischen Themen, Konstruktion bzw.
Verbesserung von Instrumenten und Untersuchungs geräten, mit Unfall-Versicherungs-Fragen
und mit der Entwicklung der Augenkliniken in Deutschland.
Er starb am 19.12.1916, im Alter von 97 Jahren. (English)
Adresse: Prof. Dr. D. Schmidt, Universitäts-Augenklinik
Freiburg, Kilianstraße 5, D-79106 Freiburg
Vortragsprogramm
Hans Remky (München):
Richard Heinrich Deutschmann (18521935), Theorien
und operative Behandlung der Netzhautablösung
Deutschmann, als Schüler von Theodor Leber fachlicher Enkel von Albrecht
von Graefe, war von 1887 an in Hamburg tätig. Zuvor hatte er in Göttingen
Studien der sympathischen Ophthalmie vorgenommen, die 1889 durch Verleihung
des Graefe-Preises gewürdigt wurden. 1893 gründete er mit E.
Fuchs, Haab und Vossius die international angesehene Reihe Beiträge
zur Augenheilkunde.
In Hamburg wurde die operative Behandlung der Netzhautablösung
sein Haupt-Arbeitsgebiet: 1890 Durchschneidung von Glaskörpersträngen
und von geschrumpften Netzhäuten, 1894 Glaskörperersatz durch
präparierten tierischen Glaskörper, 1933 die Kryopexie. Gonins
Theorie der Bedeutung von Netzhautrissen hat er nie vollständig
anerkannt. Die Reihe seiner Publikationen über Netzhautablösung
endete erst in seinem Todesjahr. (English)
Adresse: Prof. Dr. H. Remky, Arabellastraße 59, D-81925
München
Vortragsprogramm
Hans F. Piper (Lübeck):
Außenseitervorschläge zur Schieloperation
Außenseitervorschläge zur Schieloperation zielten quantitativ
auf gewebeschonendes Vorgehen, qualitativ auf das Erreichen einer annähernd
vollkommenen Beidäugigkeit. Oft hielten sie nicht, was sie versprachen,
oft paßten sie auch nicht in den Entwicklungsstand der Zeit.
Vorgeschlagen wurden u. a. passive Muskeldehnung, Muskelneubefestigung,
ansatzerhaltende Korrekturen, Bindehautschonung, Neurotisation,
Einsatz von Mikroskop und Laser. Auch Vorschläge, die sich nicht
einführen ließen, dienten dennoch dem Fortschritt.
(English)
Adresse: Prof. Dr. H.-F. Piper, Im Brandenbaumer Feld 32,
D-23564 Lübeck
Vortragsprogramm
Daniel Hirsch-Kauffmann Jokl (New York):
Hirschberg, Deutschland und Japan der Ursprung
einer außerordentlichen Beziehung
Die Details der Übereignung der Bibliothek von Julius Hirschberg
an Professor Komoto und schließlich an die Universität Tokyo
haben Nakajima und Sasaki ausführlich dargestellt (Documenta Ophthalmologica,
History of Ophthalmology 5 (1992) 10310).
Weniger bekannt sind die Ursprünge der Beziehung zwischen Hirschberg
und Japan, die von seinem Besuch des Landes 1892 herrühren. Seit
der Liberalisierung des japanischen Handels mit dem Westen 1868 haben
deutsche Professoren zur Modernisierung der japanischen Medizin beigetragen
nach dem Muster Deutschlands seinerzeit weltweit herausragend
in Medizin und Wissenschaft. Professor Komoto, der als erster japanischer
Ophthalmologe bei Hirschberg in Japan und in Deutschland gelernt hat,
vergaß die ihm und und seinem Land zuteil gewordene Ehre niemals.
Seine Bemühungen, Hirschbergs Bibliothek für Japan zu erhalten,
ist im Sinne der traditionellen Verehrung zu sehen, die Japaner für
ihre Lehrer empfinden inspirieren. (English)
Adresse: Prof. D. Hirsch-Kauffmann Jokl, M.D., New York
Vortragsprogramm
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