XIX. Zusammenkunft der Julius-Hirschberg-Gesellschaft
6. – 8. Oktober 2005 Würzburg

Abstracta

in alphabetischer Reihenfolge der Vortragenden (umgekehrte Reihenfolge des Programms)



Heinz Fischer (Cloppenburg):
Moderne Augenheilkunde im Nordwesten Deutschlands

Als in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Albrecht von Graefe in Berlin die Augenheilkunde zu reformieren und modernisieren begann, wurde das auch gleich im Nordwesten Deutschlands bekannt. So besuchte aus Oldenburg, Hauptstadt des damaligen Großherzogtums, der Militärarzt Dr. Dode-Emken Müller die Fortbildungskurse von v. Graefe in Berlin und entschloss sich danach, sich gänzlich der Augenheilkunde zu widmen. Dr. Müller war gebürtiger Jeverländer. Nach seinen Studien in Tübingen, Würzburg und Gießen und einer Fortbildung an den Kliniken in Zürich, trat er 1848 als Arzt in das oldenburgische Heer ein. Hier durchlief er alle Ränge bis zum Oberstabsarzt. 1856 eröffnete er am Theaterwall in Oldenburg eine private Augenklinik. Seine privatärztliche Tätigkeit war als Militärarzt von den politischen Ereignissen der Zeit abhängig. Aus dem deutseh-französischen Krieg kehrte er erst 1873 zurück. Seine Tätigkeit als Augenarzt in privater Praxis hat darunter sehr gelitten. Bis zu seiner Pensionierung 1894 war er außerdem Leibarzt der oldenburgischen Fürsten und Chef des Militärhospitals. Er starb plötzlich bei einer Visite im evangelischen Krankenhaus in Oldenburg, 74-jährig, 1896. Hier praktizierte er nach seiner Pensionierung. Der Landschaftsmaler Prof. Paul Müller-Kaempf, Gründer der Künstlerkolonie Ahrenshoop auf dem Darß, ist sein Sohn.

Dr. med. Heinz Fischer, Bahnhofstr. 47, D-49661 Cloppenburg


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Josef Haslbeck (Neumarkt):
Ein alter Augenarzt berichtet

Über den Wiederbeginn der medizinischen Ausbildung an der Julius-Maximilians-Universität nach dem 2. Weltkrieg.

Dr. med. Josef Haslbeck, Karl-Speier-Str. 41, D-92318 Neumarkt


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Robert Heitz (Strasbourg):
Die Erfindung der Kontaktlinsen durch August Müller (1887–89)

Am 28. Februar 1889 beschrieb August Müller, in seiner Inaugural-Dissertation der Medizinischen Fakultät in Kiel das Ergebnis seiner 1887 begonnenen Untersuchungen zur dioptrischen Korrektion seiner Myopie mit einem Kontaktlinsensystem. Drei Linsen wurden 1932 von August Müller an das Deutsche Museum in München übergegeben. Diese Linsen entsprechen denjenigen, die er in seiner Doktorarbeit beschrieben hat. Der Lebenslauf von August Müller (1864–1949) wird beschrieben.

Dr. med. Dr. phil. R. F. Heitz, 23 A rue Trubner, F-67000 Strasbourg


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Jutta Herde (Halle):
Carl Ernst Theodor Schweigger – Leben und Werk

Carl Ernst Theodor Schweigger wurde am 28.10.1830 in Halle/Saale geboren. Er entstammt einer berühmten wissenschaftlichen Familie. Nach Absolvierung des Pädagogiums widmete er sich dem Studium der Medizin in Erlangen und Halle, das er 1852 mit der Promotion „De fistula ani“ abschloss. Während der anschließenden, bis 1855 währenden Tätigkeit an der Medizinischen Klinik unter Peter Krukenberg befasste sich Schweigger vorzugsweise mit der zu der Zeit noch nicht zum Allgemeingut der Untersuchungstechniken zählenden Auskultation und Perkussion, womit er sich auch habilitierte. 1856 wurde er zum Privatdozenten ernannt. Noch im gleichen Jahr begab er sich zu einem der führenden Ophthalmopathologen, Heinrich Müller zu Würzburg. Die hier gewachsene Begeisterung für die Augenheilkunde gab Anlass zur Fortführung der Ausbildung bei Albrecht von Graefe in Berlin. Die sechsjährige Tätigkeit bei A. v. Graefe war sowohl klinisch als auch wissenschaftlich und schrift-stellerisch sehr erfolgreich, so dass er 1864 als a. o. Professor die Graefesche Klinik verließ. Schweigger begab sich nun auf eine große Studienreise nach Utrecht, London und New York. Sich in New York niederzulassen, scheiterte an der fehlenden Akzeptanz des amerikanischen Lebens durch seine Frau. 1867 nach Berlin zurückgekehrt, praktizierte er zunächst in der Stadt. 1868 nahm er den Ruf als dirigierender Arzt der UniversitätsAugenklinik in Göttingen an. Ab Frühjahrssemester 1871 wurde Schweigger in gleicher Funktion für die Abteilung für Augenkranke der Charité Berlin als Nachfolger für seinen 1870 verstorbenen Lehrer Albrecht von Graefe, aber erst 1873 zum ordentlichen Professor berufen. Die Bemühungen um eine selbständige separate Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde zogen sich über Jahre hin. Nach Interimslösungen auf Schweiggers Eigeninitiative in Form von Erwerb von Grundstücken zur Unterbringung der Augenklinik erfolgte 1881 der Umzug in die neugebaute Augenklinik in der Ziegelstrasse. urückSchweiggers schriftstellerisches Werk umfasst ein weitgefächertes Spektrum von Themen. Hervorzuheben sind sein in sechs Auflagen erschienenes „Handbuch der speziellen Augenheilkunde“(1871–1893), die Monographien über den Augenspiegel, zur Lehre des Strabismus, Erfolge der Schieloperationen, die Staroperation, über Glaukom, die Sehproben, über den Zusammenhang der Augenheilkunde und Allgemeinleiden u. a. Schweigger war es nicht vergönnt, seiner Zielstellung gemäß das Lehramt bis zum vollendeten 70. Lebensjahr auszuführen. Die seit 1899 aufgetretene progrediente Muskeldystrophie zwang ihn zur Niederlegung seiner Tätigkeit 1899. 1905 erlag er dem schweren Leiden. Anlässlich des 100. Todestages von Carl Schweigger die Leistungen dieses bescheidenen, aber für die Augenheilkunde stark engagierten Mannes zu würdigen, ist Anliegen dieser Arbeit.

Prof. Dr. med. Jutta Herde, Univ.-Augenklinik, Ernst-Grube-Str. 40,
D-06120 Halle/Saale


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Gerhard Holland (Kiel):
Über das Auge des Horus

Am Anfang war der Mythos, die Geschichte von Osiris und Isis, der Kampf zwischen Seth und Horus, bei dem Horus ein Auge verlor, erstmalig schriftlich überliefert in den sog. Pyramidentexten auf den Wänden von fünf Pyramiden in Saqqara vor mehr als 4000 Jahren. Aus dem „Auge des Horus“ wurde das Udjat, seine bildliche Darstellung in typischer, immer wiederkehrender Form. Die ersten Darstellungen finden sich auf Särgen des Mittleren Reiches, später besonders zahlreich in den Nekropolen des Neuen Reiches von Theben West, an den Wänden z.B. über sogenannten Scheintüren, auf Stelen, Särgen, auf Barken, als Bestandteil kunstvoller Schmuckstücke und auf den Vignetten des Totenbuches. Letzteres ist eine Quelle – der vielfältigen Bedeutungen des „Auge des Horus“. Auf diese Bedeutungen, den Bedeutungswandel bis in unsere Zeit wird besonders eingegangen. Heute findet sich das Udjat nur noch als beliebtes Souvenir und in abgewandelter Form auf dem Rezeptformular amerikanischer Ärzte.

Prof. Dr. med. Gerhard Holland, Esmarchstr. 51, D-24105 Kiel


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Guido Kluxen (Wermelskirchen):
Entdeckung der okulären Onchozerkose in Afrika und Mittelamerika

Die okuläre Onchozerkose wurde zuerst 1915/1916 von Rodolfo Robles und Pancheco-Luna in Guatemala entdeckt. Die ersten Augenbefunde sind Bestandteil der Trias, die auch ‚Morbus Robles‘ genannt wird: 1. Filariose durch den Fadenwurm Onchocerca in Amerika, 2. Küstenerysipel, eine allergische Gesichtsquellung durch den Fadenwurm, 3. Conjunctivitis und Iritis als Befall des vorderen Segments des Auges. Die ersten Untersucher der Onchozerkose in Afrika 1874-1930 stellten keine ernsthafte, die Erkrankung begleitende Augenaffektion fest. Die Mitteilungen über Beobachtungen in Mittelamerika durch Rodolfo Robles und E´mile Brumpt 1917/1919 regten einige Tropenspezialisten an, auf Augenerkrankungen bei der afrikanischen Onchozerkose zu achten; aber es waren offensichtlich keine zur Erblindung führenden vorhanden. Nur Ouzilleau und Mitarbeiter hatten 1921 in einem einzigen Fall unter 16 Onchozerkose-Infizierten unter 27 Bewohnern eines Dorfes nahe Brazzaville eine Keratitis gefunden. Erst 1930/1931 stellte Jean Hissette in einem Onchozerkoseherd am Sankuru/Belgisch Kongo fest, dass bis zu 20 % der Onchozerkosekranken dort blind waren und 50 % der Dorfbewohner unter Augenkomplikationen litten. Zwei Jahre später fand er einen weiteren Herd am Ue´le mit der gleichen Pathologie. Während Hissette den Pathomechanismus der Erblindungen klärte und damit die Kenntnisse über die offensichtlich erst sehr spät manifest gewordene okuläre Onchozerkose in Afrika revolutionierte – man spricht seitdem von Flussblindheit und meint die okuläre Onchozerkose in Afrika – zweifelte die belgische Kolonialverwaltung an den Befunden des kleinen Doktors aus dem Kasai. Die Harvard Expedition mit amerikanischen Tropenmedizinern unter Richard Pearson Strong wurde daraufhin auf Kosten der Belgier organisiert, die die Befunde Hissettes kontrollieren sollte. Dieser reiste mit den Amerikanern nochmals zum Sankuru und zeigte ihnen ‚seine’ Flussblinden. Die Amerikaner bestätigten schließlich im American Journal of Tropical Medicine (1938) alle bereits von Hissette (1932) erhobenen Befunde, die auch die Chorioretinitis der hinteren Augenabschnitte mit einschloss.

Die neuen Befunde über die afrikanische Flussblindheit ließen sehr schnell erkennen, dass sie in vielen Teilen Schwarzafrikas (West-, Zentral- und Ostafrikas) vorkamen. 1944 unternahm der Engländer Harold Ridley eine Expedition in einen Onchozerkoseherd im Norden der Goldküste (Ghana) während seiner Militärzeit im Zweiten Weltkrieg und kam zu ähnlichen Ergebnissen wie Hissette im Kongo. Er schrieb eine Monographie Ocular Onchocerciasis (1945) und wurde damit viel erfolgreicher als Hissette oder die Harvard African Expedition, um sich in der Wissenschaft durchsetzen zu können.

Prof. Dr. med. Guido Kluxen, Brückenweg 1, D-42929 Wermelskirchen


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Peter Kober (Schwelm):
Der Klub der Anomalen

Der Klub der Anomalen, so nannten sich in etwas ironischer Art die Augenärzte, die für ihre Tätigkeit bei deutschen Eisenbahnen schon 1912 mit dem von Nagel 1905 konstruierten Anomaloskop zur quantitativen Erfassung von Störungen der Farbwahrnehmung ausgerüstet worden waren.

Eine Betreuung der bei den deutschen Eisenbahnen, die erst 1924 zur „Deutschen Reichsbahn“ zusammengefasst wurden, Beschäftigten durch Bahnärzte hatte es schon seit der Mitte des 19. Jh. gegeben.

Erst gegen Ende des 19. Jh. erkannte man immer mehr die Notwendigkeit, insbesondere die Personen, die im Fahrdienst der Bahnen beschäftigt waren, auch auf ihre Sehfunktion hin zu untersuchen und zu überwachen.

So wurden zusätzlich Bahnaugenärzte zu einer ständigen Einrichtung bei der Betreuung des Bahnpersonals. Sie brachten Kenntnisse der Sehfunktionen als arbeitsmedizinischen Beitrag zur Sicherheit des Schienenverkehrs ein und erschlossen damit schon früh der Augenheilkunde ein Feld von praktischer Bedeutung jenseits der kurativen Medizin. Es waren Ophthalmologen mit bekannten Namen, die hier Normen setzten, die auch heute bei der Bahn noch beachtet werden.

Die heutige Verkehrsophthalmologie, die inzwischen viel mehr umfasst, als allein den Schienenverkehr ist in ihrer Entwicklung doch eng mit diesem frühen arbeitsmedizinischen Bereich der Ophthalmologie verbunden.

Dr. med. Peter Kober, Zamenhof-Weg 4, D-58332 Schwelm


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Frank Krogmann (Thüngersheim):
Würzburg – „Höhepunkt seines Schaffens“: Carl von Heß (1863–1923)

Carl von Heß starb 1923 in München als Ordinarius für Augenheilkunde an der Universität der bayerischen Landeshauptstadt. Seine zwölf Jahre, die Heß in Würzburg verbracht hat, sollten jedoch den „Höhepunkt seines Schaffens“ bilden. Im Vortrag werden die wissenschaftlichen Leistungen dieses herausragenden Ophthalmologen gewürdigt

Frank Krogmann, Kirchgasse 6, D-97291 Thüngersheim


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Andreas Mettenleiter (Würzburg):
Augenheilkunde aus Hausmeisterperspektive – Die Würzburger Universitäts-Augenklinik in den Tagebuchaufzeichnungen Otto Seidels

Ein ungewöhnliches und aufschlussreiches Dokument zur Geschichte der Würzburger Universitätsaugenklinik am Röntgenring (damals Pleicherring) stellen die in Familienbesitz befindlichen Tagebücher, Erinnerungen und Fotos Otto Seidels (1890-1976) dar. Seidel, der nach Gymnasialbesuch, Aushilfstätigkeiten und Militärdienst bei den Würzburger Neunern 1913 als Hausmeister, Faktotum und Laborassistent in die Klinik eintrat und dort bis zu seiner Pensionierung 1955 arbeitete (seit 1929 auch wohnte), erweist sich als aufmerksamer und kritischer Chronist des Krankenhauses und seiner Direktoren. Reservelazarettalltag in beiden Weltkriegen (u. a. Gasverletzte), Studentenausbildung, Forschungsschwerpunkte, aber auch die wechselhaften Geschicke der Klinik nach dem März 1945 werden so lebensnah wie akribisch aus der Warte des Zeitzeugen geschildert.

Dr. med. Andreas Mettenleiter, Institut für Geschichte der Medizin,
Oberer Neubergweg 10a, D-97074 Würzburg

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Hans-Felix Piper (Lübeck):
Johannes Ohm (1880–1961). Ein Hirschbergschüler, an dessen Beobachtungen an Schielenden erinnert sei

Von Julius Hirschberg, an dessen Berliner Augenklinik er von 1905–1907 arbeitete, wurde ihm das Gebiet der Augenbewegungsstörungen nahegebracht. 1908 in Bottrop i. W. niedergelassen, widmete er sich in seiner „Knappschaftspraxis“ der Erforschung des Bergarbeiternystagmus und weiterer Bereiche der „Augenzitterkunde“. Aber auch zur Schielkrankheit verdanken wir ihm wichtige Erkenntnisse.

Unter selbstgefertigten Untersuchungsgeräten seien genannt: Hebelnystagmographie, Blickfeldmessungen, Doppelaugenspiegel und objektive Sehschärfenbestimmung. Ihm begegneten an Schielenden 1. frühkindlich auftretend Einwärts-, Höhenabweichung und Augenzittern (heute frühkindliches Schielsyndrom); 2. Unterformen des Schrägschielens (heute unterschieden im horizontalen und vertikalen Außenblickfeld); 3. spät auftretendes Schielen und Nystagmus (heute normosensorisches Spätschielen). Schielschwachsichtige Augen wiesen unverwechselbare Besonderheiten des optokinetischen Nystagmus selbst und dessen Löschung durch den schwellennah ausgelösten Fixationsreflex auf.

Eigenwillige Auffassungen von einer einheitlichen Lenkung der beidäugigen Zusammenarbeit befremdeten: Im Falle jedweder Störung läge ihr Ursprung im „Hauptaugenmuskelsender“, den er im Vestibulariskerngebiet annahm und zum „Erzeuger des Schielens“ aufwertete. Den Begriff „Lateralisierung“ mit Betonung des einen Auges zog er zur Erklärung der anomalen Korrespondenz einerseits und als Ergebnis eines Kampfes zwischen gegen- und gleichsinnigen Zugkräften zur Klärung der Schielabweichung andererseits heran. Prof. Dr. Dr. h. c. Johannes Ohm hat seinem Lehrer Hirschberg als Augenzittern- aber auch als Schielforscher Ehre gemacht.

Prof. em. Dr. med. Hans-Felix Piper, Im Brandenbaumer Feld 32, D-23564 Lübeck


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Hans Remky (München):
Immunologie des Auges: 1903–1912

„Ursprünglich, d. h. vor etwa dreissig Jahren, bildete die Bakteriologie einen winzigen Abschnitt der Botanik“ sagte Robert Koch 1909 in seiner Antrittsrede vor der Berliner Akademie der Wissenschaften. Mit der stürmischen Entwicklung der Bakteriologie im letzten Viertel des XIX. Jahrhunderts entstand auch die Immunitätslehre; das Wesen der Immunitaät schien durch die Forschungen von Emil von Behring (1890) und von Paul Ehrlich (1891) geklärt zu sein. Humoral- und zellularpathologische Theorien konkurrierten bis zu den vermittelnden Ansichten von Ilja Metschnikoff und von Paul Ehrlich (Seitenkettentheorie).

1902 prägten Charles Richet und Paul Portier den Begriff „Anaphylaxie“, 1903 führte Clemens Frhr. von Pirquet die Bezeichnung „Allergie“ ein. 1903 erschienen die Monographien „Immunität bei Infektionskrankheiten“ von Metschnikoff und „Die Antikörper" von Emil Frhr. von Dungern.

E. von Dungern hatte im letzten Abschnitt seines Buches die intraokulare Bildung von Antikörpern beschrieben, im gleichen Jahre berichtete, in der Festschrift zum 60. Geburtstage von Robert Koch, Paul Uhlenhuth über die Organspezifität des Linseneinweißes. Mit der Erkenntnis der Sonderstellung des Auges mit seinen Schrankensystemen begann die Erforschung der Immunologie des Auges, die schnell riesige Fortschritte machte: 1981 haben Gilbert Smolin und G. Richard O’Connor in ihrer Monographie „Ocular Immunology“ allein für die Einleitung der Einführung in die Immunologie 305 Quellenangaben gemacht – unter überwiegender Berücksichtigung der Literatur nach 1970.

Zu den Forschungsthemen gehörten 1903–1912 die Antikörper im Kammerwasser, die Anaphylaxie und die Organspezifität von Augengeweben.

E. von Dungern hatte 1903 im Tierexperiment, Alfred Leber 1906 beim Patienten intraokulare Bildung von Antikörpern nachweisen können, deren kameraler Spiegel den des Blutserums manchmal sogar übertraf, und die bei Untersuchungen von Franz Schieck im Kammerwasser früher als im Serum erscheinen konnten. Bedeutung erlangten solche Gegebenheiten 1953: Prinzip der vergleichenden Serologie von Hans Goldmann. Die Anaphylaxie wurde von Charles Nicolle 1908, von Carl Hubert Sattler 1909, von R. Kümmell 1911 und von Karl Wessely 1911 untersucht, aus deren Ergebnissen wichtige Erkenntnisse für verschiedene Erkrankungen des Auges entstanden. Organspezifische Antikörper gegen Linseneiweiss wurden 1906 auch von Carl Hess und Paul Römer gefunden – und mit der Kataraktentstehung in Verbindung gebracht; die beiden letzt genannten Autoren wiesen auch Antikörper gegen Netzhautstäbchen nach (Makuladegeneration?). Anton Elschnig entdeckte Antikörper 1910/11 des Uvea-Pigmentes und stützte auf diesen Befund eine neue Theorie der sympathischen Ophthalmie, sein Schüler Ernst Kraupa 1912 Antikörper gegen Hornhautparenchym. 1910 hatte Walther Löhlein die aktive Immunisierung von Hornhaut-Transplantatempfängern vorgeschlagen und damit einen Weg angedeutet, der 1960 Peter Brian Medawar zum Nobelpreis führen sollte.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden einige Ergebnisse und Theorien der Jahre 1903–1912 diskutiert.

Prof. Dr. med. Hans Remky, Biedersteinerstr. 57, D-80802 München


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Dieter Schmidt (Freiburg)
Das wissenschaftliche Werk von Theodor Axenfeld (1867–1930), Lehrstuhlinhaber in Rostock und Freiburg

Theodor Paul Polykarpos Axenfeld wurde am 24.6.1867 als Sohn des evangelischen Pfarrers in Smyrna geboren. Er wuchs in Bad Godesberg auf, bestand 1885 die Reifeprüfung in Bonn und studierte in Bonn Medizin von 1885 bis 1890. Nach dem Staatsexamen arbeitete er an mehreren Instituten (Physiologie, Pathologie und Hygiene mit Bakteriologie). 1894 wurde er Assistenzarzt der Univ.-Augenklinik in Marburg. 1895 habilitierte er sich mit dem Thema „Über die eitrige metastatische Ophthalmie“ in Marburg. 1896 wechselte er nach Breslau und 1897 wurde er auf den Lehrstuhl für Augenheilkunde nach Rostock und bereits 1901 nach Freiburg berufen. Zahlreiche Veröffentlichungen, die ihn international bekannt machten, zeugen von seiner umfangreichen präzisen wissenschaftlichen Tätigkeit. Er galt als kenntnisreicher Arzt, erfahrener Operateur sowie als tüchtiger, kreativer Wissenschaftler und erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. Zahlreiche Verbindungen knüpfte er zur internationalen Ophthalmologie. Viele seiner Schüler kamen aus dem Ausland. Neben seinem Hauptarbeitsgebiet, den bakteriellen Augenerkrankungen, widmete er sich intensiv allgemein-ophthalmologischen Themen, insbesondere den Erkrankungen des vorderen Augenabschnitts, dem Glaukom, den operativen Techniken, neuroophthalmologischen- sowie Netzhaut- und Orbitakrankheiten. Er verfasste mehrere bedeutende Bücher. Sein Name wird heute noch in Zusammenhang mit Augenerkrankungen genannt (Embryotoxon corneae posterius; „Axenfeld-Anomalie“ und „Axenfeld-Schürenberg-Syndrom“). Er entdeckte ein Diplobakterium (Hämophilus lacunatus, „Morax-Axenfeld“) und beschrieb eine Veränderung des vorderen Augenabschnitts, die als „Axenfeld-Schlinge“ bekannt wurde.

Prof. Dr. med. Dieter Schmidt, Univ.-Augenklinik, Killianstr. 5, D-79106 Freiburg


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Gottfried Vesper (Leipzig):
Die Netzhaut-Erkrankung des Malers Edgar Degas (1834–1917)

Edgar Degas, ein sehr bedeutender Künstler des 19. Jahrhunderts, hatte für einen Maler ungewöhnlich schlechte Augen. Von etwa dem 40. Lebensjahr an litt Degas an zunehmenden Sehbeschwerden, Folge einer sich verschlechternden Netzhauterkrankung. Schließlich war er gezwungen die Malerei stark einzuschränken. Seit 1890 fertigte er vorwiegend Skulpturen.

San.-Rat Dr. med. Gottfried Vesper, Harnackstr. 9, D-04317 Leipzig


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Gregor Wollensak (Berlin):
Ernst Alban – Augenarzt und Dampfmaschinenbauer

Ernst Alban wurde am 7.2.1791 in Neubrandenburg geboren. Schon in seiner Kindheit war er an mechanischen Problemen wie z. B. bei Windmühlen interessiert. 1810 begann er das Studium der Theologie in Rostock. Damals schrieb er auch eine Tragödie über „Aeneas in Carthago“. 1811 wechselte er zum Fach Medizin zunächst in Rostock, dann Berlin, Greifswald und Göttingen, wo er auch Himlys Vorlesungen hörte. 1815 eröffnete er eine Praxis in Rostock, wo er sich u.a. in Augenheilkunde spezialisierte. 1816 schrieb er seine Habilitation „Versuch einer Anleitung zur richtigen Gesundheitspflege der Augen für den Nichtarzt“. Von 1815 bis 1817 hielt er Vorlesungen über Augenheilkunde in Rostock. Er operierte auch erfolgreich ca. 72 Katarakte. Angeregt durch den Erfolg von Dampfmaschinen in England, begann Alban über Hochdruckdampfmaschinen zu arbeiten und ging schließlich 1825 selbst nach England, um dort wertvolle Erfahrungen zu sammeln. 1827 zog Alban nach Stubbendorf in der Nähe von Rostock, wo er verschiedenste Entwürfe für Dampfmaschinen, hydraulische Pressen, Mühlen und Bohrmaschinen entwickelte und in Dinglers Polytechnischem Journal veröffentlichte. 1829 eröffnete er die erste Maschinenfabrik Mecklenburgs auf dem Gut Klein Wehnendorf, wo er vor allem landwirtschaftliche Maschinen baute. 1840 errichtete er eine neue, größere Maschinenfabrik in Plau, wo er Hochdruckdampfmaschinen, Textilmaschinen, Feuerwehrgeräte, Werkzeugmaschinen und landwirtschaftliche Maschinen herstellte. 1845 wurde sein dampfgetriebener Raddampfer „Alban“ auf dem Plauer See in Betrieb genommen. Am 13.6.1856 verstarb Ernst Alban infolge mehrerer Schlaganfälle.

PD Dr. med. Gregor Wollensak, Wildentensteig 4, D-14195 Berlin


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