Rainer Nabielek (Berlin):
Julius Hirschberg (1843-1925)
Augenarzt, akademischer Lehrer, Medizinhistoriker
Bei Julius Hirschberg (1843-1925) handelt es sich um eine Persönlichkeit, deren Tätigkeitsspektrum ausgespochen weit gefächert war. Als Schüler eines der Reformer der Augenheilkunde, Albrecht von Graefe (1828-1870), zählt er zu den Pionieren der sich als eigenständiges Fach etablierenden Augenheilkunde in Deutschland. Durch seine zahlreichen klinischen und experimentellen Arbeiten, die Entwicklung mehrerer ophthalmologischer Instrumente sowie die Einführung neuer diagnostischer und operativer Verfahren in die Augenheilkunde erlangte er bald nationale und internationale Anerkennung. Neben der Arbeit in seiner 1869 begründeten Privatklinik in Berlin, die er bis 1907 leitete, widmete sich Hirschberg intensiv der ärztlichen Fortbildung. Nachdem er 1877 das "Zentralblatt für praktische Augenheilkunde" ins Leben gerufen hatte, begründete er 1893 die Berliner Ophthalmologen-Gesellschaft.
Bereits seit seiner frühen Jugend fühlte er sich zu sprachlichen und historischen Studien hingezogen. Die Medizingeschichte, der er sich ab 1907 fast ausschließlich widmete, verdankt Hirschberg eine Reihe ausgezeichneter Arbeiten. Es gelang ihm in vorbildlicher Weise, fachliche Kompetenz mit philologisch-historischer Kritik zu verbinden. Hirschberg, der sich stets von dem Prinzip leiten ließ, mit den Originalen zu arbeiten, beherrschte neben dem Griechischen und Lateinischen mehrere moderne europäische Sprachen. Um sich die arabische Augenheilkunde zu erschließen, erlernte er noch im Alter das Arabische. Die Krönung seiner medizinhistorischen Tätigkeit bildet eine mehrbändige "Geschichte der Augenheilkunde". Diese Gesamtdarstellung der Geschichte seines Fachgebietes konnte bisher durch nichts Vergleichbares ersetzt werden.
Zu alledem hat sich Hirschberg nicht zuletzt auch als akademischer Lehrer große Verdienste erworben. Er entfaltete eine rege und vielseitige, stets neue Bereiche der Augenheilkunde berücksichtigende Vorlesungstätigkeit. Einen Lehrstuhl hat man dem international bekannten Arzt und Wissenschaftler niemals angeboten. Der Grund dafür dürfte darin zu suchen sein, daß Hirschberg jüdischen Galubens war und ihm deshalb die Berufung zum Ordinarius in Preußen und anderen deutschen Staaten versagt blieb.
Das wissenschaftliche Erbe Julius Hirschbergs wird in der nach ihm benannten Gesellschaft gepflegt.
Adresse: Priv. Doz. Dr. R. Nabielek, Berlin, Würmseestr. 5-9, D-12527 Berlin
(Inst. für Geschichte der Medizin der Humboldt-Universität, Ziegelstr. 5-9, D-10 117 Berlin)
Aloys Henning (Berlin):
Zur Ablösung des Starstichs durch die Kataraktextraktion
in Berlin ab 1755
1755 wurde zum ersten Mal in Berlin eine extrakapsuläre Kataraktextraktion (Starausziehung) vorgenommen, die Jacques Daviel (1696-1762) seit 1745 entwickelt hatte und ab 1750 als Methode der Wahl anwandte. Die neue Operation zur Behandlung des Grauen Stars, die Entfernung des getrübten Linsenkerns durch einen Hornhautschnitt unter Belassung der Linsenkapsel, löste den mehrtausendjährigen Starstich ab, die Verlagerung der getrübten Linse innerhalb des Auges aus ihrer Aufhängung hinter der Pupille nach unten in den Glaskörper mittels einer seitlich in den Augapfel gestochenen Starnadel. Ihn hat womöglich Johann Andreas Eisenbarth (1663-1727) bei seinen mehrfachen Berlin-Besuchen zwischen 1698 und 1725 angewandt.
Für Berlin ist vor 1755 der Starstich in einem Pamphlet zum Okulisten Joseph Hillmer 1748 fachlich bezeugt. Das älteste ophthalmologische Dokument dieser Stadt galt 1498 einem Augenarzt im Dienst des brandenburgischen Kurfürsten Johann Cicero. Von seiner ärztlichen Tätigkeit ist ebenso wenig bekannt wie bei einem jüdischen Kenner der damaligen Augenheilkunde, den sein Spezialwissen 1510 vor der Verbrennung bewahrte, die 37 seiner Glaubensbrüder vor dem Georgentor (am Strausberger Platz) widerfuhr.
Die Elemente der neuen Staroperationstechnik wurden seit 1705 konzipiert nach Michel Brisseaus (1676-1743) Bericht vor der Pariser Academie Royale des Sciences, der die wahre Natur des Grauen Stars als Linsentrübung bewies. Ab 1707 extrahierte Charles de Saint-Yves (1667-1736) transkorneal Starlinsen, die in die vordere Augenkammer vorgefallen waren. Antoine Ferrein (1693-1769) entband um 1720 den Linsenkern von Kataraktlinsen unter den Glaskörper (Boutonnire) nach Eröffnung der hinteren Linsenkapsel mit der schneidenden Kante einer lanzettartigen Starnadelspitze nach Saint-Yves, die dieser zur Kataraktdepression (Starniederlegung) benutzte. Daviel hat die Extraktionsrichtung des Linsenkerns gewendet, um iatrogene Verletzungen innerer Augenstrukturen zu mindern. Zu Zeiten Brisseaus und Saint-Yves praktizierte ab 1715 in Berlin als seßhafter Augenarzt (Okulist) der Hugenotte Jean Blanc (1662/63-1741). Von ihm sind keine Staroperationen überliefert.
1755 wurde die neuartige Starextraktion ebenfalls von einem Hugenotten, dem preußischen Militärchirurgen Jacques Taverne, in Berlin vorgeführt. Er hatte sie als postgraduierter Pensionair-Chirurg Friedrichs II. bei Daviel in Paris ab 1753 erlernt. Durchgesetzt als Methode wurde Daviels Kataraktextraktion in Berlin von Christian Ludwig Mursinna (1744-1823), chirurgischer Ordinarius am Berliner Collegium Medico-Chirurgicum ab 1787.
Adresse: Dr. A. Henning, Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, Arbeitsbereich Geschichte und Kultur, Garystr. 55. D-14195 Berlin
Jutta Herde (Halle/S.):
Die Auswirkungen der Fleischbeschau auf den
Cysticercus cellulosae ocularis
Unter den an sich seltenen parasitären Augenerkrankungen ist der Cysticercus cellulosae (C.c.) die häufigste. Obwohl Kenntnisse über Bandwurmerkrankungen schon im Altertum (Papyrus Ebers, Hippokrates, Aristophanes, Aristoteles) existierten, erfolgte die genaue Aufklärung erst im 19. Jahrhundert. Den ersten Beschreibungen von lebenden C.c. beim Menschen durch Sömmering und Schott 1830 in der Vorderkammer, durch Baum und Siebold 1838 subkonjunktival, durch Cunier 1841 unter dem Epithel der Cornea und durch Sichel 1859 subkutan in den Lidern, folgten nach der Entwicklung des Augenspiegels zahlreiche Berichte über intraokulare C.c.
Bei dem von Coccius 1852 beschriebenen zystenartigen Gebilde im Glaskörper handelte es sich vermutlich ebenfalls um einen C.c. Albrecht von Graefe beobachtete 1854 als erster den C.c. im Glaskörper, sub- und präretinal, 1863 in der Orbita und 1864 in der Augenlinse. Um die Therapie haben sich insbesondere Albrecht v. Graefe, Arlt, Alfred Graefe, Hirschberg u.a. verdient gemacht. Die gegenüber anderen Ländern in Deutschland auffallend hohe Inzidenz von okularem C.c. im 19. Jahrhundert von über 1 : 1000 (A. v. Graefe: 90 auf 80 000, Hirschberg u. Alfred Graefe: je 70 auf 60 000) nahm erst mit der Einführung der Fleischbeschau ab.
So sah Hirschberg 1886 - 1884 unter 78 000 Patienten nur noch 3, aber 1895 - 1902 nicht einen einzigen Fall von okulärem C.c.
Bei dem heute nur noch vereinzelt zu beobachtenden okulären C.c. handelt es sich in der Regel um im Ausland aquirierte Erkrankungen. In Mexiko, Indien, den asiatischen und in allen Ländern ohne gesetzliche Fleischbeschau und mit schlechten Hygienebedingungen besteht noch eine hohe Durchseuchung.
Die Therapie der Wahl des okulären C.c. ist in jedem Fall die chirurgische Entfernung.
Adresse: Prof. Dr. J. Herde, Klinik für Augenheilkundeder Martin-Luther-Universität, Magdeburger Straße 8, D-06097 Halle
Jörg Draeger, Corinna Hendriock (Hamburg):
Glaukombegriff und Tonometrie von der Antike bis ins Zeitalter der Mikroprozessoren unter Berücksichtigung der englischen, deutschen, russischen und schweizerischen Entwicklung
In der alten griechischen, römischen und arabischen Literatur findet man nur sehr undeutlich definierte Begriffe und keine klare Trennung von Glaukom und Katarakt. Die Autoren beschränken sich meist auf die morphologische Deskription vorwiegend im Pupillenbereich. Erst im Jahre 1622 beschreibt der Engländer Richard Banister den erhöhten Augendruck, offensichtlich schon im Sinne uneres chronischen Glaukoms. Er beschreibt vier verschiedene Kriterien für die Diagnose und die Prognose. Paul Beger gab in seiner Arbeit von 1744 erstmals pathophysiologische Hinweise und deutete den erhöhten Augendruck als Folge einer Hypersekretion oder Hypoexkretion.
Die historische Entwicklung der Tonometrie als Diagnostikum des Glaukoms ist ver-ständlicherweise kürzer. Beginnend mit der direkten Palpation des Augapfels, die Richard Banister einführte, entwickelte der Deutsche Albrecht von Graefe 1862 einen mechani-schen Spannungsmesser. Von Graefe wählte bereits den Ausdruck "Impressionstonometer" für die auf diesem Prinzip beruhenden Instrumente.
Mit der Entdeckung der anästhetisierenden Wirkung des Kokains auf das Auge konnte man den Augendruck direkt auf der Cornea messen. Dies ermöglichte die "Applanationstono-metrie". Aleksej N. Maklakov schuf 1885 ein Tonometer, mit dem er einen konstanten Druck ausüben konnte, um das so applanierte Cornea-Areal auszumessen. Die Abplattungs-fläche wird anhand der Entfärbung des Tonometerkölbchens durch den Kontakt mit der feuchten Hornhautoberfläche gemessen.
Im Jahre 1888 entwickelte A. Fick in Würzburg ein Applanationstonometer, das einem anderen Prinzip folgte. Als Meßgröße diente der erforderliche Auflagedruck zur Erzielung einer konstanten Applanationsfläche.
Diesem von Fick verwendeten Prinzip folgte auch der Schweizer Hans Goldmann, dessen Tonometer zu einer endgültigen Lösung der indirekten Messung des intraokularen Drucks führte. Mit der Einführung seines Applanationstonmeters im Jahre 1954 setzte sich dieses Prinzip endgültig gegenüber der immer noch in der klinischen Praxis weithin angewendeten Impressionstonometer durch.
Als letzten Schritt zur Verbesserung der diagostischen Validität der Tonometrie wurde ein handliches, lageunabhängiges Selbsttonometer konzipiert. Somit wurde eine frühere, präzisere Diagnose möglich und eine umfangreiche Verlaufskontrolle.
Adressen: Prof. Dr. J. Draeger, Univ.-Augenklinik, Martinistr. 52, D-20251 Hamburg; cand. med. C. Hendriock, Christian-Förster-Straße 29, D-20253 Hamburg
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