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Presseerklärungen


105. DOG-Kongress in Berlin
Nachlese zum 105. Kongress der DOG 

Eröffnungsrede des DOG-Präsidenten Prof. Dr. Gernot I. W. Duncker, Halle

Sehr geehrte Präsidenten der Ophthalmologischen Gesellschaften!
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!
Hohe Festversammlung!

Recht genau vor 150 Jahren, vom 3. bis 5 September 1857, initiierte Albrecht v. Graefe im Hotel Schrieder zu Heidelberg eine Zusammenkunft von 12 interessierten Augenärzten, darunter Friedrich Horner aus der Schweiz und Ferdinand v. Arlt aus Wien. Dieses legendäre Treffen war die Geburtsstunde unserer Gesellschaft, der Ophthalmologischen Gesellschaft, die seither als älteste medizinische Fachgesellschaft überhaupt angesprochen wird und mithin die weltweit älteste ophthalmologische Fachgesellschaft ist.

Diese Ophthalmologische Gesellschaft war von Beginn an international angelegt: „Die unwiderstehliche Anziehungskraft“, so schrieb Zehender, „die der Gründer bis in die weitesten Fernen ausübte, hatte bewirkt, daß in damaliger Zeit die größten und hervorragendsten Fachmänner aller Nationen sich nach Heidelberg hingezogen fühlten, daß sie an unseren Verhandlungen teilnahmen, daß sie an der Gründung der Gesellschaft sich beteiligten und, zum Teil wenigstens, Mitglieder der Gesellschaft geblieben sind“.

Es gab gerade im 19. Jahrhundert Phasen, in denen die Zahl der internationalen Mitglieder der Heidelberger Gesellschaft sogar diejenige der deutschen Teilnehmer übertraf. Die Heidelberger Treffen waren – inspiriert von Albrecht v. Graefe – internationale Treffen, um den ophthalmologischen Wissensstand in kollegialer, ja freundschaftlicher Atmosphäre zu diskutieren.

Wir werden auf diesem Jubiläumskongreß in besonderer Weise an das internationale Grundverständnis der Gründerjahre anknüpfen: Es wird der Stand der weltweiten Verhütungsmaßnahmen vermeidbarer Blindheit diskutiert werden, es wird erstmals ein afrikanisch-deutsches Symposium geben, neben zahlreichen internationalen Symposiumsangeboten wird die Kooperation mit osteuropäischen Gesellschaften, diesmal der Ukraine, einen besonderen Schwerpunkt bilden. Ich möchte an dieser Stelle insbesondere unseren internationalen Referenten Dank sagen, daß sie diesen Kongreß mit ihren Beiträgen bereichern.

Lassen Sie mich einen zweiten Punkt ansprechen, der für die Gründungsphase unserer Gesellschaft essentiell war und heute in modifizierter Form aktuell ist: Zur Zeit der Gründung unserer Gesellschaft gab es die Augenheilkunde als eigenständiges universitäres Fachgebiet nicht. Albrecht v. Graefe und seine Kollegen, beispielsweise sein Vetter Alfred Graefe in Halle, haben aus Privatkliniken heraus gegen den erbitterten Widerstand der preußischen Kultusbürokratie und auch gegen den Widerstand ihrer eigenen Fakultätskollegen ophthalmologische Lehrstühle durchgesetzt. Albrecht v. Graefe hat dies einmal in einem Schreiben an Jacobsen so formuliert: „Es hängen daran (an der Einrichtung eines Lehrstuhls), so wie einmal die Form unserer Universitäten ist, sachliche Rechte und Ansprüche der verschiedensten Art, welche mit der Kultur des betreffenden Fachs in der engsten Verbindung stehen“.

Nach harten Auseinandersetzungen übernahm Albrecht v. Graefe 1866 die Augenabteilung der Charité und wurde 1868, zwei Jahre vor seinem Tode, zum Ordinarius für Augenheilkunde ernannt, wobei ihm damals die Prüfungsberechtigung für das Fach noch vorenthalten wurde.

Auch heute können der Zustand der Universitäten, die Arbeits- und Forschungsbedingungen unserer Gesellschaft nicht gleichgültig sein, da sie ein wichtiger Gradmesser des Zustandes der wissenschaftlichen Augenheilkunde insgesamt sind. Der überwiegende Anteil, schätzungsweise 70 Prozent, der ophthalmologischen Forschung findet nach wie vor an den Universitäten statt, bei den grundlagenwissenschaftlichen Projekten liegt dieser Anteil eher noch höher.

Im § 1 unserer Satzung heißt es: „Zweck der Gesellschaft ist die Förderung der wissenschaftlichen Augenheilkunde“. Die DOG unternimmt alle Anstrengungen, damit eine funktionierende Infrastruktur für die ophthalmologische Wissenschaft und die Forschung erhalten bleibt, ja mehr noch, sie weiter ausgebaut und gestärkt wird. Hiermit ist meines Erachtens eng verknüpft, daß die Leitungsfunktionen im Hochschulbereich attraktiv bleiben, die Dotierung wissenschaftlicher Stellen deutlich verbessert wird und der seit mehr als 10 Jahren kontinuierlich voranschreitende Abbau von C3-/W2-Positionen gestoppt wird. Die Tatsache, daß die Forschungs- und Lehre-Budgets, vor allem auch in den neuen Bundesländern, kaum die Höhe von Oberarztgehältern übersteigen, macht deutlich, unter welch schwierigen Bedingungen in unserem Lande – selbst an den Universitäten – Forschung generiert wird. Um so höher ist es unserer eigenen Gesellschaft anzurechnen, daß der Betrag der ausgeschriebenen Wissenschaftspreise und Wissenschaftsförderungen, die über die DOG vergeben werden, sich in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigert hat und gegenwärtig einen Gesamtbetrag von knapp 300.000,00 € pro Jahr ausmacht.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, unsere Gesellschaft blickt auf eine 150jährige außerordentlich erfolgreiche Geschichte zurück. Unsere Mitglieder haben hervorragende medizinische Innovationen kreiert, die sich weltweit durchgesetzt haben: Der Bogen läßt sich hier spannen von der Präsentation des Helmholtzschen Augenspiegels, dem Siegeszug der Laserkoagulation Meyer-Schwickeraths, der Mikrochirurgie von Harms und Mackensen, der Plombenchirurgie von Custodis bis hin zur Seilerschen Myopiekorrektur der Hornhaut. Die wesentlichen Epochen dieser Erfolgsgeschichte sind in einer Festschrift festgehalten worden, die ihnen zu Beginn der Tagung überreicht wurde. Ich möchte an dieser Stelle im Namen des Präsidiums unserer Gesellschaft Dank sagen den Kollegen Klaus Bergdolt, Martin Rohrbach, Manfred Jähne, Martin Reim, Rolf Grewe, Philip Gass, Anselm Kampik, Beate Kunst und Jutta Herde, die diese für das Selbstverständnis unserer Gesellschaft so wichtige Schrift in vortrefflicher Weise abgefaßt haben.

Sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen, wir werden an die Erfolge vergangener Jahrzehnte nur anknüpfen können, wenn es uns auch in Zukunft gelingt, begabte, motivierte und exzellent ausgebildete Ophthalmologen für die wissenschaftliche Augenheilkunde zu begeistern. Von ganz zentraler Bedeutung wird hierbei sein, ob es gelingt, die wissenschaftliche Laufbahn für diese Hoffnungsträger so attraktiv zu gestalten, daß sich genügend junge Kollegen für die wissenschaftliche Augenheilkunde als Berufsperspektive entscheiden. Leider hat es hier aus den vielfältigsten Gründen heraus in den letzten Jahren erhebliche Einbrüche und Rückschläge gegeben. Es ist für die wissenschaftliche Augenheilkunde und für unser Fach insgesamt deletär, wenn der forschende Arzt an einer Klinik unter den Ärzten am schlechtesten verdient und die Besoldungsstruktur derart pervertiert wird, daß derjenige belohnt wird, der sich eben nicht den Mühen einer Habilitation unterzieht. Derartige Strukturen sind nicht geeignet, den wissenschaftlichen Nachwuchs an den Hochschulen zu halten und zu motivieren: Hier ist eine dringende Kurskorrektur geboten.

Meine Damen und Herren, wer auf Dauer wissenschaftlich aktiv bleiben möchte und aktiv auch im Grundlagenbereich forschen möchte, braucht eine Perspektive für die weitere Karriere. Die DOG setzt sich dafür ein, daß in unserem von Subspezialitäten geprägten Fach genügend Langzeitpositionen geschaffen werden, die für den wissenschaftlichen Nachwuchs attraktiv sind. Mit großer Sorge sehen wir den Abbau von leitenden strabologischen und neuroophthalmologischen Professuren, wie überhaupt die Schaffung von wissenschaftlich eigenständigen Teilgebieten und Sektionen in vielen Fakultäten äußerst restriktiv gehandhabt wird. Dies führt natürlich zu einer Verflachung der wissenschaftlichen Landschaft. Dabei haben doch gerade die Kliniken, die in kollegialer Form mehrere Subspezialitäten in ihren Leitungsstrukturen verankern konnten, ein besonders gutes Forschungsprofil entwickeln können und waren auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs besonders attraktiv.
Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft setzt sich dafür ein, daß die Stellenstrukturen und die Vergütung für Ärzte mit Aufgaben in der Forschung deutlich verbessert werden. Sehen Sie die jetzt folgende wissenschaftspolitische Diskussionsrunde als Signal, die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses öffentlich zu machen und nach Verbesserungsmöglichkeiten zu suchen.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen an fachlichen und persönlichen Erfahrungen reichhaltigen DOG-Kongreß im 150. Jahr des Bestehens unserer Gesellschaft.

 
         
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