XVI. Zusammenkunft der Julius-Hirschberg-Gesellschaft
Weimar
3. – 6. Oktober 2002

Abstracta

in der Reihenfolge des Vortragsprogramms




Heinz Goerke (München):
Goethe als Hochschulpolitiker

Als Berater und Freund seines Landesherren und als Geheimer Rat und Minister
verfügte Goethe über direkten und indirekten Einfluss auf alle Einrichtungen für
Wissenschaft und Kunst im Herzogtum Sachsen-Weimar.Besonders wirksam war
sein Eintreten für Einrichtungen der Universität Jena. Diese Hochschule war eine
Gründung des ernestinischen Hauses der Wettiner und blieb den durch
Erbteilungen entstandenen Fürstenhäusern, den „Erhalterstaaten“, als Träger
unterstellt. Daraus ergaben sich eine gewisse Unabhängigkeit der Universität im
Vergleich zu anderen jener Zeit, aber auch Schwierigkeiten bei der finanziellen
Ausstattung. Goethe erlangte als zuständiger Minister des Staates, in dem die
Universität ihren Sitz hatte, aber auch durch seinen Ruf als Freund der
Wissenschaften und berühmter Dichter einen ungewöhnlich großen Einfluss auf
alle Angelegenheiten der Universität. Man hat diese Jahrzehnte als Jenas
„klassische“ Zeit bezeichnet.

Erheblich ist die Zahl der Professuren, die gefördert durch Goethe, in Jena
entstanden, erweitert und mit herausragenden Persönlichkeiten besetzt worden
sind. Dies gilt in Sonderheit für die Medizin und die Naturwissenschaften, aber
auch die geisteswissenschaftlichen Fächer. Dass zu den unter Mitwirkung
Goethes berufenen Professoren auch Friedrich Schiller gehörte, dessen Namen
die Universität Jena trägt, ist zugleich eine fortdauernde Bestätigung der
hochschulpolitischenLeistungen des großen Weimarers.

Prof. Dr. Dr. h.c. H. Goerke, Strähuberstraße 11, D- 81479 München

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Robert. A. Crone (Amsterdam):
Goethes Farbenlehre

Auf der Suche nach Gesetzen der Farbenharmonie war Goethe von der Erfahrung
beeindruckt, dass bei Betrachtung durch ein semitransparentes Medium dunkle
Berge blau und die Sonne gelb scheinen. Dieses „Urphänomen“ – und die
unantastbare Erhabenheit des natürlichen weissen Lichtes – sind die zwei
mystischen Ausgangspunkte der Farbenlehre ( 1810 ). Goethe glaubte an die
objektive Realität der Farben. Er hatte deshalb im Gegensatz zu Newton, keinen
Grund, physische und psychologische Aspekte der Farben zu unterscheiden. Für
Goethes Farbenlehre waren die Schelling'schen Begriffe Polarität und Steigerung
und vor allem das lineare Farbsystem des Aristoteles wichtig. Philosophen und
Künstler bewunderten die Farbenlehre, Physiker verurteilten das Buch.

Prof. Dr. R. A. Crone, Reguliersgracht 1, NL-1017 LJ Amsterdam

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Manfred Jähne (Aue)
„Überhaupt ist das Auge an ihm vorzüglich sprechend“ – Beschreibung von Goethes Augen

Zeitgenossen und Gäste im Haus am Frauenplan in Weimar haben wiederholt
das Augenpaar des deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe
(1749–1832) beschrieben, so tat das recht eindrucksvoll auch Carl Gustav Carus
(1789–1869).

Basierend auf der Auswertung von Goethe-Porträts, zeitgenössischer
Beobachtungen, im Nachlass gefundener Brillen und Goethes
sinnesphysiologischer Leistungen soll zu dessen Refraktion Stellung genommen
werden. Die in der Literatur beschriebene Myopie ist nicht sicher bewiesen.
Goethes eigene Glasköpertrübungen wurden von ihm in einem Gedicht
festgehalten.

Dieser Beitrag befaßt sich auch mit Goethe’s Erkrankung im Kopfbereich im Jahre
1801. Seine Aversion gegenüber Brillen wird analysiert.

Goethes Konnexionen zum damals allerdings noch nicht selbständigen Fach
Augenheilkunde (Operation des Grauen Stares, Tränenwegserkrankungen,
Untersuchungen zur Farbenblindheit) werden kurz gewürdigt.

Dr. med. habil. M. Jähne, Semmelweis-Siedlung 8, D-08301 Schlema


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Robert Heitz (Haguenau):
Goethe und die Augenheilkunde in Straßburg (1770–1771)

Von März 1778 bis August 1771 weilte Goethe in Straßburg um seine Jura-Studien
zu absolvieren. Während des Wintersemesters folgte er als Gasthörer an der
Medizinischen Fakultät den Vorlesungen des Chemikers und Botanikers Jacob-Reinbold
Spielmann (1722–1783), des Anatomen und Chirurgen Johann-Friedrich
Lobstein (1736–1784) und des Klinikers Johann-Friedrich Ehrmann (1739–1794).

Während seines Straßburger Aufenthalts verband sich Goethe in dauerhafter
Freundschaft mit dem späteren Okulisten Johann Heinrich Jung-Stilling
(1740–1917) und dem Dichter und Philosophen Johann-Gottfried Herder, dessen
missglückte Dakryozystitis-Operation durch Lobstein er beschrieben hat.

Dr. med. Dr. phil. R. Heitz, 22 rue de l’Aqueduc, F-67500 Haguenau


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Frank Krogmann (Thüngersheim):
Goethe, Ginkgo und die Augenheilkunde

Johann Wolfgang von Goethe, der große deutsche Dichter und Inbegriff der
Klassik, beschäftigte sich auch mit der Naturwissenschaft. Erinnert sei an seine
Werke zur Farbenlehre, Anatomie und über die Metamorphose der Pflanzen. Das
Sinnesorgan „Auge“ durchzieht jedoch Goethes gesamtes OEuvre.

Goethe preist die orientalische Kultur als Grundlage der Zivilisation des
Abendlandes. Die chineische Medizin verwandte bereits vor Jahrtausenden
Ginkgo als Heilmittel. Auch die moderne Medizin setzt Ginkgo als Therapeutikum
ein, u. a. in der Augenheilkunde. Weltbekannt ist Goethes Gedicht, in dem er dem
Ginkgo biloba huldigt.

Eine Verbindung zwischen Goethe, Ginkgo biloba und der Augenheilkunde ist
gegeben.

F. Krogmann, Kirchgasse 6, D-97291 Thüngersheim

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Jutta Herde (Halle):
Der Anatom und Chirurg Justus Christian Loder – ein Goethefreund

Justus Christian Loders Persönlichkeit wurde im Elternhaus und an der
Universität zu Göttingen geprägt. Loder wurde am 28.2. (12.3. julianischer
Datierung) 1753 in Riga geboren. Sein aus dem Fürstentum Bayreuth
stammender Vater Johann Loder war Rektor des Lyzeums und Diakon der St.
Jakobs-Kirche zu Riga. Die Mutter, geborene Cappel, stammte aus Livland. Nach
dem Lyzeumsbesuch 1769–1773 in Riga studierte Loder von 1773 bis 1777 an
der seinerzeit berühmten Universität zu Göttingen Medizin. Mit der Dissertation
„Descriptio anatomica baseos cranii humani iconibus illustrata“ wurde er 1777
zum Dr. med. promoviert. Die auf ihn aufmerksam gewordene Jenaer Universität
berief Loder 1778 auf den Lehrstuhl für Anatomie und Chirurgie. Gleichzeitig
wurde er Mitglied des akademischen Senats und der medizinischen Fakultät. Hier
stellte er 25 Jahre sein Wissen und Können in den Dienst der Universität. Vier Mal
oblag ihm das Amt des Prorektors. Mehrfach lehnte er den Ruf an andere
Universitäten ab.

Sein unermüdlicher Fleiss und seine Lehrtätigkeit sorgten für ein schnelles
Ansteigen der Studentenzahlen und für eine bis dahin nicht gekannte Blütezeit an
der Universität Jena. Loder stand Goethe und Hufeland sehr nahe. Goethe
verdankte Loder das Erlenen des Präparierens und nicht zuletzt auch die
Entdeckung des Zwischenkieferknochens. Im Streit um die Priorität der
Entdeckung wurde diese S. d’Azyr zuerkannt, da er die Arbeit bereits 1784, Goethe
aber erst 1820 publizierte. Außerdem hatte Goethe das Jahr der Entdeckung 1784
mit 1786 angegeben. Loder galt als bedeutendster Anatom Deutschlands jener
Zeit. Neben dem Hauptinteressengebiet Anatomie macht er sich als
Geburtshelfer, Chirurg, Gerichtsmediziner, Augenarzt, Physiologe und
Hochschullehrer verdient. Er richtete die erste Geburtsanstalt und das
anatomische Theater in Jena ein. Von April 1782 bis August 1783 unternahm er
eine Studienreise nach Straßburg, Paris und London. Sein unerreichbar
gebliebenes Ziel, ein Klinikum bewilligt zu bekommen, Unkollegialität und Intrigen
unter den Professoren veranlassten Loder 1803 an die Alma mater halensis zu
wechseln. Die Schließung der Universität 1806 durch Napoleon versetzte Loder in
eine aussichtslose berufliche Situation, und er weigerte sich, in den Dienst der
Franzosen zu treten. Er ging zunächst als Leibarzt zu der nach Königsberg
geflohenen preussischen Königsfamilie. Seit 1810 praktizierte Loder in St.
Petersburg und Moskau. Der russische Zar Alexander I. ernannte ihn zum Leibarzt
und Staatsrat. Den uneigennützigen Einsatz in Lazaretten und Militärhospitälern
belohnte der Zar mit hohen Ehrungen. Seine anatomische Sammlung verkaufte er
dem Zaren, der sie der Universität Moskau zum Geschenk machte. An dem von
ihm eingerichteten anatomischen Institut lehrte Loder bis an sein Lebensende als
Ehrenprofessor; er versah zahlreiche Ämter. Die Korrespondenz mit Goethe hielt
er aufrecht. Er starb am 16.4.1832 in Moskau.

Loders aktivste publizistische Tätigkeit fällt in die Jenaer Zeit. Herauszustellen sind
seine anatomischen Tafeln inklusive des Sehorgans (1803) und mehrere anatomische
Lehrbücher. Über die augenärztliche Tätigkeit Loders ist hier zu berichten.

Prof. Dr. J. Herde, Augenklinik der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg,
Magdeburger Straße 8, D-06112 Halle


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Gabriela Schmidt (Wien):
Wiener Augenheilkunde zu Goethes Lebenszeit: Von der Naturphilosophie zur
Naturforschung


Vielfältig, aber ohne Zusammenhänge, waren die Wurzeln der späteren
Ophthalmologie zur Zeit Goethes im deutschen Sprachraum. Um die Erforschung
der Gesetzmäßigkeiten der physiologischen und physikalischen Optik hatte man
sich bereits im 17. Jahrhundert bemüht. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts lag der
große Impuls in der Suche von tauglichen Katarakt-Operateuren (J. Daviel, 1750
Extraktion des getrübten Linsenkerns aus dem Auge unter Belassung der
Linsenkapsel), da die herumziehenden „Starstecher“ zusammen mit den
Steinschneidern und Zahnbrechern längst schon als unverantwortliches Ärgernis
erkannt worden waren. Weil die subtile Technik der Staroperation handwerkliche
Fertigkeiten erforderte, hatten sich zuerst die Chirurgen der Augenheilkunde
angenommen (A. Richter, Göttingen 1770)

Die Naturphilosophen wiederum suchten durch den romantischen
Analogieschluss im Auge einen Spiegel des Gesamtorganimus zu ergründen
oder glaubten in der Polarität der im Körper wirksamen Kräfte Ursachen für
Augenaffektionen finden zu können (J. A. Schmidt, Wien).

Unter dem Einfluss des Kaiserhauses holte man in Wien aus Italien (Palucci)
oder Frankreich (Wenzel) namhafte Staroperateure. Von ihnen sollten dann
heimische Ärzte (J. Barth) angelernt werden. Aus dieser Quelle ging schließlich
G. J. Beer hervor, der zunächst als anatomischer Zeichner bei Barth diente, bei
diesem auch die Ophthalmologie erlernte und aus eigenem Antrieb eine
Starbehandlungsanstalt einrichtete, die großen Erfolg hatte. Darauf erhielt Beer
zunächst die Bewilligung zum öffentlichen Unterricht. 1812 wurde an der Wiener
medizinischen Fakultät die weltweit erste Lehrkanzel und Klinik für
Augenheilkunde im Allgemeinen Krankenhaus gegründet. 1818 wurde Beers
Lehrkanzel zum Ordinariat erhoben, und die Ophthalmologie avancierte zum
obligaten Lehrfach für alle Studierenden der Medizin. Beers zahlreiche Schüler
hatten in der Folge den größten Anteil an der internationalen Weiterentwicklung
der Augenheilkunde (von Walther/München, von Graefe/Berlin,
Langenbeck/Göttingen, Textor/Würzburg, Chelius/Heidelberg, Ammon/Göttingen,
Weller/Halle, Ritterich/Leipzig, Benedict/Breslau, Flarer/Pavia, Rosas/Padua,
Quadri/Neapel, Fabini/Budapest, Fischer/Prag, Frick/Baltimore,
MacKenzie/Glasgow).

Dr. med. G. Schmidt, Institut für Geschichte der Medizin der Universität Wien,
Währingerstraße 25, A-1090 Wien

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Dirk Ehrich, Hans-Gert Struck:
Die Entwicklung der Tränenwegschirurgie zur Goethezeit

Johann Wolfgang von Goethe lebte in einer Zeit, die von grundlegendem Wandel
in der Definition des Arztseins als auch im Verständnis von Gesundheit und
Krankheit geprägt ist. Männer wie Carus und Hufeland wurden von Goethe
entscheidend zur Begründung ihres ärztliche Seins inspiriert als auch Goethe in
seinen Schriften herausragende Persönlichkeiten dieser Zeit und ihren Einfluss
auf sein Wirken reflektiert.

Auch der Augenheilkunde wurden im 18. und 19. Jahrhundert bedeutende Impulse
verliehen. Wissenschaftler wie Georg Ernst Stahl (1695–1734), Johann Friedrich
Lobstein (1736–1784), Johann Adam Schmidt (1759–1809) und August Gottlieb
Richter (1742–1812) gelten als Wegbereiter der modernen Tränenwegschirurgie.
Goethe selbst war Zeuge einer solchen Operation, die Lobstein 1770 in Straßburg
an Johann Gottfried Herder (1744–1803) durchführte und die er in seinem Roman
,Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit’ aus dem Jahre 1811 beschrieb. Die
methodische Entwicklung der Tränenwegschirurgie in dieser Zeit wird an
Beispielen dargestellt.

Dr. med. D. Ehrich. Prof. Dr. H.-G. Struck, Augenklinik der
Martin-Luther- Universität, Halle-Wittenberg, Magdeburger Straße 8, D-06097 Halle

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Gottfried Vesper (Leipzig):
Über die Augenerkrankung des Philosophen Friedrich Nietzsche (1844–1900)

Nietzsche hatte eine progressive hohe Myopie. Durch zunehmde
Netzhautveränderungen bei Chorioretinitis centralis kam es zu fortschreitendem
Visusabfall. Augen- und Kopfschmerzen behinderten ihn sehr erheblich.
Zahlreiche Behandlungsversuche wurden durchgeführt, die aber keine Besserung
brachten.

MR Dr. med. G. Vesper, Harnackstraße 9, D-04317 Leipzig

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Herman Daels (Kortrijk):
Über wissenschaftliche Publikationen von Reimond Speleers

In den ersten elf Jahren seiner Praxis ab 1903 bis zum Ersten Weltkrieg
veröffentlichte R. Speleers eine Anzahl wichtiger Arbeiten:

  1. Gekleurde tranen (Mededeling XI, VI. Natuur- en Geneesk. Congres 2° helft n°
    14, 1907)
  2. Een eigenaardig jachtongeval (Nederl. Tijdschrift voor Geneeskunde 1910 blz.
    1525)
  3. Bindvliesschort (Hand. XV° VI. Natuur- en Genesk.. Congres 1911)
  4. Amblyopia of Neuritis retrobulbaris sympathica (Hand. XV° VI. Natuur-en
    Geneesk. Congres 1911)
  5. Over verbetering der prothese na uitschaling of uitlepeling van den oogbol
    (Hand. XVII Natuur- en Geneesk. Congres 1913)
  6. Oogbeleediging door zonsverduistering (Geneesk. Tijdschrift voor Belgie 1913)
  7. Ringskotoom bij verblinding door zonsverduistering (Nederl. Tijdschrift voor
    Geneeskunde 1913 blz. 1386)

Im Referat 6) „Oogbeleediging door zonsverduistering“ 1913 (14 pag).analysiert
Speleers aus eigener Praxis Fälle von Augenverletzungen durch Sonnenblendung
bei der Sonnenfinsternis vom 17. April 1912. Er stellt die Geschichte der
Kenntnisse dieses Krankheitsbildes dar.

Speleers unterscheidet Patienten mit sichtbaren Veränderungen des
Augenhintergrunds von solchen, bei welchen sie fehlen. In der zweiten Gruppe (55
Fälle) fand er als kennzeichnende Symptome: a) abnehmender Visus, b) zentrales
Skotom, c) gestörte Farbwahrnehmung. Er erweitert die Symptomatik des
„Skotoma heliclipticum“ um drei weitere: d) ein Ringskotom (Jess 1912),
e) Verengung des Gesichtsfeldes, f) Vergrößerung des blinden Flecks.

Die Verwandtschaft der Gesichtsfeldveränderungen mit denen anderer
Krankheitsbilder wird unterstellt. Speleers geht auf die Diskussion über
Aggression erzeugende Strahlung ein.

N.B. Die Diskussion über die Ätiologie wird fortgesetzt.

Dr. med. H. Daels, Beverlaai 53, B-8500 Kortrijk

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Hans Remky (München):
Ophthalmochirurgische Transplantationen beim Menschen

Erste (und meist einzige) Versuche und ihre Ergebnisse

TRANSPLANTAT OPERATEUR INDIKATION
Hornhaut – Schaf WUTZER/Bonn 1835 „Skleralpupille“
Hornhaut – Schwein KISSAM/New York Keratoplastik

Augapfel – Kaninchen
CHIBRET/ Clermont-Ferrand 1885
TERRIER/Paris 1885
BRADFORD/Boston 1885
nach Enukleation
Augapfel– Hund ROHMER/Nancy 1885 nach Enukleation
Glaskörper – Kaninchen, Kalb DEUTSCHMANN/
Hamburg 1894
Netzhautablösung
Vord. Bulbus-Abschnitt
Mensch
SHIMANOVSKI/ Kiev 1912 Hornhautleukom
Linse – Mensch CHAVKA/Beograd 1955 i.c. Aphakie


Prof. Dr. H. Remky, Arabellastraße 5–9, D-81925 München


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Liliane Bellwald (Luxembourg):
Augenheilkundliche Texte bei Arnau de Vilanova (1240?–1311?)

Die Biographie des Arztes Arnaldo de Vilanova beschreibt die äußerst bewegte
Karriere eines Gelehrten des Mittelalters.

Sein Bildungsweg ist ein klassischer, der ihn von Paris über Montpellier, Salerno
zu etlichen anderen Lehrstätten führt. Das Reiseitinerar ist beeindruckend und
erschließt ihm West- und Südeuropa.

Er ist der Leibarzt und Berater Papst Clemens V., des Königs von Sizilien und von
König Piedro von Aragon. In dieser Funktion erfüllt er diplomatische Pflichten, unter
anderem am französischen Hof. In Paris wird er dann leider verhaftet und muss
sich vor der Inquisition verteidigen.

In der Tat, nicht nur die Chirurgie und die Medizin sind sein erfolgreiches
Betätigungsfeld. Astrologie und Alchimie sind ein Schwerpunktthema seiner
Forschungen und Schriften. Seine theologischen Werke haben ihn auf einen
lebensgefährlichen Weg verführt. Zu den zahlreichen medizinischen Manuskripten,
welche man ihm zuschreibt, gehört auch ein Kommentar zum berühmten
,Regimen sanitatis‘: ,Medicina Salernitana‘. Id est Conservandae bonae
valetudinis praecepta.‘ In diesem oft nachgedruckten Werk kann man unter
anderem etliche augenheilkundliche Kapitel finden. Hinzu fügt sich folgendes
Werk: ,Arnaldi de Villanova libellus regiminis de confortatione visus.‘

Dr. med. L. Bellwald, B.P. 1268, L-1012 Luxembourg


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Hans-Felix Piper (Lübeck):
Manfred Monjé, ein Forscherleben zwischen den Zeiten

Manfred Monjé (1901–1981), zuletzt Inhaber des Lehrstuhls für angewandte
Physiologie in Kiel, war wohl der letzte Sinnesphysiologe alten Stils, wie ihn von
Helmholtz, Hering und Tschermak vertreten hatten. Sein Lebenslauf war geprägt
durch drei Zeitabschnitte: Weimarer Republik – NS-Reich und Krieg –
Bundesrepublik. Er schrieb 1932 das Kapitel „Die Methoden zur Messung der
Empfindungszeit“ in Abderhaldens Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden,
wandte sich dann dem Gebiet der physiologischen Optik zu. Eine Ausbildung an
der Universitäts-Augenklinik Kiel befähigte ihn dazu, die Schwelle der
Gesichtssinnleistung gesunder und kranker Augen zu bestimmen: Sehschärfe,
Gesichtsfeld, Dunkeladaptation, Farbe, beidäugiges Sehen. Eng mit seinem
Namen verbunden bleiben: 1. Die Abhängigkeit der Sehschärfe und des
räumlichen Tiefensehens von der Darbietungszeit und Bildung der Begriffe
stufenweise und gleitende Reizdarbietung. 2. Die Abhängigkeit der
Tiefenschätzung vom Übergang von Quer- zu Längsdisparation, nachzuvollziehen
mit der Neigung der 3 Stäbe von der senkrechten in die waagerechte Lage
(Stereoeidometer). 3. Lese- und Trennschwierigkeiten schielamblyoper Augen,
zurückzuführen auf gesteigerten Randkontrast im zentralen Gesichtsfeld. Seine
Arbeiten über die Bildgrößen-Unterschiede und die Abbildungs- und
Empfindlichkeitsveränderungen bei Brechungsfehlern der Augen bleiben bis
heute wichtige Grundlagenforschung. Er bildete Arbeitskreise, betreute ein Heer
von Doktoranden und war eng befreundet mit dem Professor für physikalische
Optik Herbert Schober, der ebenfalls nach dem Krieg neu anfangen musste.

Prof. Dr. H.-F. Piper, Im Brandenbaumer Feld 32, D-23564 Lübeck


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Gerhard Holland (Kiel):
Nyktalopie – Hemeralopie: Wie ist es richtig?

Nach Hirschberg (1899) bedeutet das Wort Nyktalops bei den Hippokratikern
tagblind, bei Galen und den nach ihm kommenden griechischen Ärzten wie
Oribasius, Aetius und Paullos von Aegina dagegen nachtblind. So bleibt es bis
etwa zum Ende des 17. Jahrhunderts. Dann taucht für Nachtblindheit das Wort
Hemeralopie auf, das in den antiken Schriften nur einmal Erwähnung findet neben
dem Wort Nyktalops, jedoch ohne nährer Erklärung. Nyktalopie wird wieder zur
Tagblindheit. Ist dieser Wechsel in der Definition vielleicht auf den berühmten
Boerhaave zurückzuführen? Der Begriff Hemeralopie steht nun in fast allen
ophthalmologischen Lehrbüchern, in medizinischen Nachschlagewerken und in
Lexika. In der englischsprachigen Literatur hat sich dagegen inzwischen die alte
Bezeichnung Nyktalopie für Nachtblindheit wieder durchgesetzt. 2001
veröffentlichten Brouzas und Mitarbeiter vom Allgemeinen Krankenhaus
“Hippocration” in Athen eine Studie über “Nyctalopia in Antiquity“. Sie kommen zu
dem Schluss, dass der Begriff Nyktalopie ausschließlich für die Beschreibung von
defekter Dunkeladaptation benutzt werden sollte.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der historischen Entwicklung des
Gebrauchs der Begriffe Nyktalopie und Hemeraloipie von der Antike bis in die
Gegenwart, vor allem der Frage, wie es zu der unterschiedlichen Auffassung
kommen konnte und warum schließlich sich Hirschberg im Hinblick auf
Hippokrates irren musste. Der Verfasser schließt sich der Empfehlung von
Brouzas und Mitarbeitern an. Die korrekte Bezeichnung für Nachtblindheit ist
Nyktalopie.

Prof. Dr. G. Holland, Esmarchstraße 51, D-42105 Kiel

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Gerhard Keerl (Düsseldorf):
Der hundertäugige Argos in der griechischen Mythologie

Im Mythenkreis der Griechen ist das Schicksal des Argos (lat. Argus) nur ein
kleines Ereignis. Für den Ophthalmologen ist der Wächter der Io aber interessant
wegen der Ausstattung mit zahlreichen Augen. Seine Geschichte und sein Leiden
sind eingebettet in die umfangreiche Erzählung von dem Zerwürfnis des obersten
Gottes Zeus mit seiner Gemahlin Hera wegen der mit besonderer Schönheit
ausgestatteten Io, der Tochter des Inachos. Die Legende wird zu den lokalen
Sagen der Landschaft Argos gerechnet und wurde zuerst von Hesiod erwähnt. (um
700 v. Chr.). Sie war damit schon lange vor der klassischen Zeit bekannt. Funde
aus mykenischer Zeit in den letzten Jahrzehnten – sie wird von 1400 bis 1200 v.
Chr. datiert – ließen die Entschlüsselung der mykenischen Sprache zu und führten
darüber hinaus zu der Erkenntnis, dass zumindest die Grundzüge der
griechischen Mythologie schon vor der „dunklen Periode“ (1150 bis ca 800 v. Chr.)
bekannt waren. Homer (um 800 v. Chr.) und Hesiod haben sie nicht erfunden. War
auch Argos schon vor dem 12. Jahrhundert ein Begriff? Darauf und auf seinen
Mythos wird eingegangen. Sein unglücklicher Auftrag und der Tod durch Hermes
fanden auch Niederschlag in Abbildungen auf antiken Vasenfunden und – durch
die Besonderheiten des Unterganges der griechischen Siedlung Pompeji – in dort
erhaltenen Wandgemälden. Auch in die binäre Nomenklatur der Biologie fanden
Argos mit seinen ungewöhnlichen Augen, aber auch Io, Eingang.

Dr. med. G. Keerl, Droste-Hülshoffstraße 2, D-40474 Düsseldorf


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Aloys Henning (Berlin):
Zum Testament des Okulisten Joseph Hillmer und seiner Frau Charlotte
Henriette geb. von Löben 1764


Unter den Akten des Königlich Preußischen Kammergerichts im
Brandenburgischen Landesarchiv Potsdam befindet sich ein gemeinsames
(„reziprokes“) Testament des Okulisten Joseph Hillmer (geb. 8. Nov. 1719) und
seiner Ehefrau Charlotte Henriette vom 8. Februar 1764. Nach dem Tod seiner

34jährigen Frau am 14. Dezember 1767 ließ Hillmer das Testament im Januar
1768 amtlich publizieren. Das von den Eheleuten mit Dr. Joseph v. Hillmer Königl.
Preuß. HofRath und Maria Charlotte Henriette v. Hillmer gebohrne v. Löben
unterschriebene Testament bestimmt die Erbanteile für zwei noch lebende
minderjährige Töchter des Okulisten aus seiner Ehe mit der verstorbenen
Christiane geb. Teischer aus Leipzig, Johanna und Sophia von Hillmer, nach
sächsischem Recht, sowie zweier Kinder aus der Ehe mit Charlotte Henriette von
Löben, Charlotta Friderica Josepha und Constantin Friderich Boguslaw, wobei
deren Mutter im Todesfalle des Okulisten als Universalerbin bestimmt wurde.
Demnach war der 1752 von Christiane Teischer (Teutsch) geborene Sohn Johann
Joseph Hillmer (vgl. Mitt. der JHG 2 (2001) S. 65–82) 1764 bereits verstorben. Im
Testament fällt die begonnene, aber nicht vollendete Datierung eines erwarteten
Anteils des mütterlichen Erbes für die Kinder aus der Ehe mit der Leipzigerin auf.

Dr. med. A. Henning, Spandauer Straße 104 K, D-13591 Berlin

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Marcus Blum (Erfurt)
200 Jahre Augenheilkunde in Erfurt: 1802–2002

Im Jahre 1802 erschien ein Aufruf von Dr. Johann Friedrich Christoph Fischer in

der Thüringischen Zeitung, in dem um Unterstützung für die Gründung einer
Augenheilanstalt in Erfurt gebeten wurde. Fischer begann im gleichen Jahr in der
Stadt die ersten Starkranken zu operieren. Es gelang ihm, staatliche Unterstützung
zu erhalten und er führte die Augenklinik bis 1845. Aus seinem Kapital bestand bis
1941 eine „Fischer’sche Stiftung“, die erst während des Zweiten Weltkrieges in
den Besitz der Stadt Erfurt überging.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Augenheilanstalt nach
Fischers Tod eine wechselvolle Geschichte und wurde schließlich zunächst in
Personalunion des Chefarztes, dann auch als Institution in das Klinikum Erfurt
übernommen. Ab 1906 führte Dr. Otto Herzau die Augenabteilung in Erfurt und
übergab sie dann an seinen Sohn, Dr. Werner Herzau. Nach dessen Berufung auf
den Lehrstuhl nach Jena 1953 wurde Erfurt „Medizinische Akademie“.

Nach der Wende 1989 verlor die Erfurter Klinik den Status einer Universitätsklinik
und die Augenklinik ist heute, nach 200 Jahren, als Hauptabteilung in ein Haus
der Maximalversorgung eingegiedert und akademisches Lehrkrankenhaus der
Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Priv.-Doz. Dr. med. habil. Marcus Blum, Helios-Klinikum Erfurt, Klinik für
Augenheilkunde, Nordhäuser Straße 11, D-99089 Erfurt

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Daniel Hirsch-Kauffmann Jokl (New York):
Von Siebold in Japan – Der Beginn des deutschen Einflusses in der Medizin

Phillip Franz von Siebold (1796–1866) in Würzburg (Bayern) geboren, Sohn einer
akademischen medizinischen Familie, wurde der Familientradition entsprechend
als angestellter Arzt der Holländischen Ost-Indien-Gesellschaft nach Nagasaki
(Japan) geschickt, wo er in den folgenden sechs Jahren den – nach europäischen
(deutschen) Methoden – ersten medizinischen Unterricht gründete. Auch Botanik
sowie Anthropologie hat er so gründlich analysiert, dass bis heute in Leiden und
Würzburg seine Sammlungen in Museen zu sehen sind. In Japan wird er bis heute
als Gründer der modernen Medizin geehrt.

Prof. D. Hirsch-Kauffmann Jokl, M.D., New York Medical College, Columbia
University, One Stone Place, Bronxville; NY 10708, USA

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Andreas Mettenleiter (Würzburg):
Dr. August Fabritius (1857–1945): A Transylvanian Ophthalmologist in the Light
of His Memories


Vor kurzem konnte ich ein 117seitiges maschinenschriftliches vervielfältigtes
Manuskript mit handschriftlichen Korrekturen und einem Porträtphoto des
siebenbürgischen Ophthalmologen Dr. August Joseph Fabritius (1857–1945) im
Antiquariatshandel erwerben. Es enthält die 1932 für den engeren Familien- und
Freundeskreis verfaßten Lebenserinnerungen des langjährigen Direktors des
Kronstädter Augenspitals. Fabritius, Sohn eines Kronstädter Augenarztes, hatte in
Wien und Heidelberg Medizin studiert und ist bei Theodor Billroth und Vinzenz
Czerny Operationszögling gewesen, bevor er nach Kronstadt zurückkehrte, um als
Assistent und später Nachfolger seines Vaters die Leitung des Kronstädter
Augenspitals zu übernehmen. Neben einer detaillierten Schilderung der
Verhältnisse an den Chirurgischen Kliniken in Wien und Heidelberg und der
Freundschaften mit bedeutenden Chirurgen und Ophthalmologen der Zeit,
darunter Karl Koller, Theodor Axenfeld, Anton Eiselsberg, geben die Memoiren
Fabritius’, der sich auch in der Kommunalpolitik seiner Heimatstat engagierte,
einen interessanten Einblick in die politische Entwicklung Siebenbürgens und der
Siebenbürger Sachsen unter der Herrschaft der Habsburger bis zum Königreich
Rumänien.

Dr. Andreas Mettenleiter, Frankfurter Straße 11, D- 97082 Würzburg

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Dieter Schmidt (Freiburg):
Hans Berger, „Vater des Elektorenzephalogramms“ (1873–1941)

Berger wurde am 21.5.1873 in Neuses bei Coburg als Sohn eines Arztes geboren.
Seine Mutter war eine Tocher des Dichters Friedrich Rückert.
Er besuchte das Coburger Gymnasium Ernestinum und bestand 1892 dort die
Reifeprüfung, danach studierte er Medizin in Würzburg, Berlin, München, Kiel,
Jena.

Das Staatsexaen bestand er 1897 in Jena. Von 1807 bis 1900 war er Assistenzarzt
an der Jenaer Univ.-Nervenklinik (Direktor Prof. O. Binswanger). 1901 habilitierte er
sich für das Fach Neurologie und Psychiatrie, 1906 wurde er a.o. Professor und
1912 bamteteter Oberarzt. Er nahm (1914–1918) am Ersten Weltkrieg als
Stabsarzt d.R. (Chefarzt in einem Nervenlazarett in Sedan und Rethel) teil. Von
1919 bis 1938 war er klinischer Direktor der Univ.-Nervenklinik in Jena, 1927/28
Rektor der Universität Jena. Sein wissenschaftliches Werk umfaßt über 100
Publikationen. Der Kanadier Pierre Gloor (Montreal) bezeichnete Berger 1969 als
„father of electroencephalography“. Berger berichtete üner die Enzephaöloraphie
auf dem Internationalen Pschologenkongreß in Paris (1937). Für den Augenarzt
von Bedeutung sind seine Veröffentlichungen „Experimentell-anatomische Studien
über die durch den Mangel optischer Reize veranlaßen Entwicklungshemmungen
im Occipitallappen des Hundes und der Katze“ (1900) sowie „Experimentelle
Untersuchugenn über die von der Sehsphäre ausgelösten Augenbewegungen“
(1901) und “Über die Reflexzeit des Drohreflexes am menschlichen Auge“ (1913),
“Über 2 Fälle der juvenilen Form der familiären amaurotischen Idiopathie“ (1913),
“Ist die Pupillenstarre in jedem Falle gleichbedeutend mit einer organischen
Erkrankung des Zentralnervensystems?“ (1917), „Herderkankungen des
Occipitallappens“ (1923).

Prof. Dr. D. Schmidt, Universitäts-Augenklinik Freiburg, Kilianstraße 5, D-79106
Freiburg

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Jens Martin Rohrbach (Tübingen)
Das Projekt „Augenheilkunde 33–45“: Intentionen und derzeitiger Stand

Die Geschichte der Augenheilkunde im deutschsprachigen Raum von 1933 bis
1945 ist bisher erstaunlich wenig untersucht worden. Es kann zwar unterstellt
werden, dass die Ophthalmologie eine geringere „Systemnähe“ besaß als z. B.
Anthropologie, Pädiatrie oder Psychiatrie. Dennoch lässt die (noch
nachzuprüfende) Aussage Walther Löhleins (1882–1954) anlässlich der
Neugründung der DOG 1948, „daß die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft
in dieser ganzen hinter uns liegenden Zeit kein Mitglied aus politischen,
rassistischen oder nationalen Gründen aus ihrer Mitgliederliste gestrichen hat“,
gewisse Zweifel aufkommen, ist doch unbestreitbar, dass führende Vertreter
unseres Faches wie Aurel von Szily (1880–1945), Alfred Bielschowsky
(1871–1940) oder auch Karl Wolfgang Ascher (1887–1872) ihre Stellung in Klinik
und Hochschule sowie als Herausgeber von Fachzeitschriften verloren und
schließlich emigrieren mussten. Es ist bis heute nicht genau bekannt, wie viele
jüdische Ophthalmologen dieses Schicksal teilen mussten. Unbestreitbar ist aber
auch, dass Fragen wie z. B. die der Sterilisation von Kindern mit kongenitaler
Katarakt, die sich aus dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom
Juli 1933 ergaben, sehr kontrovers und nicht nur „im Sinne des Systems“
diskutiert wurden.

Es ist bisher nicht genau bekannt, wie viele der Ophthalmologen Mitglieder in
nationsozialistischen Organisationen waren. Für Tübingen kann nach den
vorläufigen Erkenntnissen gesagt werden, dass der seinerzeitige Direktor
Wolfgang Stock (1874–1956) kein Anhänger des Systems war, und er im Jahre
1944 sogar versucht haben soll, den befreundeten Feldmarschall Erwin Rommel
durch dessen stationäre Aufnahme vor dem Regimne zu schützen.

Das Forschungsprojekt soll sich nicht nur mit Opfern, Tätern und prominenten
Ophthalmologen jener Zeit beschäftigen, sondern darüber hinaus auch folgende
Themen behandeln:

  • Versorgung von Kriegsverletzungen der Augen an der Front, im rückwärtigen
    Raum und in den Kliniken
  • augenärztliche Musterungsbestimmungen
  • Versorgung der Zivilbevölkerung
  • Kriegsschäden an Augenkliniken
  • „letzte Tage“ der Augenkliniken im Osten (insbesondere Königsberg und
    Breslau)
  • Forschungsschwerpunkte / Publikationstätigkeit
  • wissenschaftliche Kontakte zum Ausland
  • Beziehungen zur schweizerischen Ophthalmologie
  • Einsatz von Zwangsarbeiern in deutschen Augenkliniken
  • Ophthalmologie im KZ

Eine ausführliche Dokumentation wird, wenn überhaupt , erst in einigen Jahren
fertig gestellt werden können. Über erste Ergebniss kann aber berichtet werden.
Die Initiierung des Projektes zum jetzigen Zeitpunkt erscheint trotz teilweise
geäußerter Bedenken durch den Umstand, das es immer weniger Menschen gibt,
die aus eigener Anschauung Zeugnis ablegen können, gerechtfertig zu sein.

Prof. Dr. med. Jens Martin Rohrbach, Universitäts-Augenklinik, Schleichstraße 12,
D-72076 Tübingen

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Frank Wilhelm (Halle/Saale)
Zur Geschichte der Keratoplastik auf dem Gebiet der ehemaligen DDR

Es ist bekannt, dass Johann Wolfgang von Goethe nach einer Pockenerkrankung
Narben im Gesicht zurückbehielt. Zu der Zeit erblindeten viele Patienten durch
Hornhauttrübungen infolge dieser Erkrankung. Das ist bei Goethe nicht der Fall
gewesen, sonst wäre möglicherweise der Gedanke der Hornhauttransplantation
zu dieser Zeit konsequenter verfolgt worden. So musste bis zum Jahre 1906 auf
den ersten Bericht über die erfolgreiche Keratoplastik durch Eduard Zirm gewartet
werden.

Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR – und zu dieser Zeit für Deutschland
überhaupt – war Walter Löhlein der Pionier, der in Berlin an der Charité die
Hornhauttransplantation einführte und in Deutschland verbreitete. Seine Schüler,
wie H. Harms und G. Günther, trugen später diese Pflanze weiter nach Tübingen
und nach Greifswald. Dadurch entwickelte sich Greifswald zum Zentrum für
Hornhauttransplantationen in der DDR. Georg Günther führte auch schon erste
Versuche zur Hornhautkonservierung in flüssigen Medien (Patientenserum) durch.

Sein Oberarzt, K.-E. Krüger, führte die Hornhauttransplantation in Halle ein. Auch in
der anderen medizinischen Fakultät Sachsen-Anhalts in Magdeburg wurden
bereits in den siebziger und achtziger Jahren durch G. Gießmann und später H. W.
Schloth zahrleiche Hornhauttransplantationen vorgenommen. Von hier kam Günter
Franke nach Greifswald um dort die Güntherschen Traditionen der
Hornhautverpflanzung weiterzuführen, da der vormalige Ordinarius Hans Gliem,
ein weiterer Schüler Günthers, die Augenklinik der Charité in Berlin übernommen
und damit die Pflanze der Keratoplastik wieder an ihre Qelle in Deutschland
zurückgebracht hatte. Folgerichtig wurden zu dieser Zeit in Greifswald und Berlin
zahlreiche Keratoplastiken durchgeführt. Und folgerichtig war auch, daß 1992 dort
die erste Hornhautbank auf dem Gebiet der ehemaligen DDR (die 4. in ganz
Deutschland) eröffnet wurde.

In Zittau (Sachsen) führte zu dieser Zeit G. Sommer bereits zahlreiche
Keratoplastiken aus und hatte sich insbesondere auf dem Gebiet der
Keratoprothetik profiliert. Patienten aus allen Teilen Deutschlands pilgerten nach
Zittau der Keratoprothetik wegen. Große Unterstützung fand Sommer in Zittau bei
der Medizintechnik-Firma Wilhelm Deutschmann. Die Firma stellte auch einen von
Gliem und Franke entwickelten Saugtrepan her – das „Asmotom“, welcher sich auf
dem Gebiet der ehemaligen DDR durchsetzte mit hervorragenden Ergebnissen. In
Sachsen hat sich später M. Jähne als Schüler Sommers auf dem Gebiet der
Hornhauttransplantation spezialisiert und hierfür in Aue ein Zentrum etabliert.

Somit sind rückblickend auf die DDR die Kliniken der Charité in Berlin, der
Universiät Greifswald und des Klinikums Aue sowie der Medizinischen Fakultät in
Magdeburg und insbesondere bei Verätzungen die Augenklinik der Universität
Halle-Wittenberg als ihre bedeutendsten Zentren der Hornhauttransplantation zu
nennen.

Prof. Dr. F. Wilhelm, Augenklinik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg,
Magdeburger Straße 8, D-06097 Halle

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