Home

News

Vorstand

Adressen

Tagungen

Publikationen

Originalartikel

Summaries

Schlagwort-
verzeichnis


Fehlbildungen des Auges in der Geschichte (Fortsetzung)

 

Malformations of the eye in history (continued)

 

Zurückzukommen auf die Deutung von Entwicklungsstörungen kann man nicht umhin, auch Martin Luther (1483 - 1546) zu zitieren. Luther sah die Geburt eines Kindes mit Anenzephalie als Omen für den Tod des Kurfürsten Friedrich von Sachsen. 1523 deutete Luther die Nachricht über ein angeblich im Tiber schwimmendes Monstrum vom Aussehen eines Esels als Zeichen von Gott, daß der Papst bald umkommen würde.

Belege für das Verständnis von Wechselbeziehungen zwischen entwicklungsgeschädigtem Individuum und Umwelt finden sich auch in der Kunst. In der Malerei stehen hierfür die Namen Albrecht Dürer, Velazquez, Rubens, Leonardo da Vinci, in der Literatur die von Cicero, Shakespeare u. a.

Durcheilt man die Geschichte der Teratologie in großen Zügen, so darf man doch an Namen wie William Harvey (1578 - 1657) wegen der Wiederentdeckung der Deutung konnatal-pathologischer Phänotypen als Folge gestörter Entwicklung (Begründung der Theorie zu Epigenese), - wie John Hunter (1728 - 1793) wegen seiner umfangreichen wissenschaftlichen Sammlungen zur Teratologie und - wie dem bereits erwähnten Saint Hilaire (1805 - 1861) nicht vorbeigehen.

Caspar Friedrich Wolff (1734 - 1794) verdanken wir die Grundlagen der modernen Embryologie und damit die Basis für weitere zielgerichtete teratologische Forschungen. Er sah in Fehlbildungen ein Stehenbleiben des betroffenen Organs oder Organsystems auf einer bestimmten, niedrigen Entwicklungsstufe. Die Durchsetzung der Theorie zur Epigenese von Harvey geht auf ihn zurück.


Zur weiteren Entwicklung der ophthalmologischen Teratologie

Die Folgezeit brachte einen erheblichen Erkenntniszuwachs in der allgemeinen Entwicklungsgeschichte und damit auch neue Voraussetzungen für die Teratologie. Untersuchungen und Erfahrungen über Abläufe in der frühen Embryogenese, über sensible Phasen der Schwangerschaft usw. verdanken wir dem hallenser Anatomen Friedrich Meckel (1781 - 1833), auf den der Begriff „Hemmungsmißbildung" zurückgeht /14/.

In die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts fällt die Herausgabe der ersten großen Handbücher der Augenheilkunde. Zu nennen ist die Encyclopédie Francaise d’Ophtalmologie, dem wohl ältesten Werk unseres Fachgebietes, in der Daniel van Duyse (1852 - 1924) für das Kapitel Teratologie verantwortlich zeichnete. Van Duyse hatte sich nach seinem Studium in Gent einer umfänglichen weiteren Ausbildung unterzogen, zunächst in Paris, dann in Wien, Berlin, Heidelberg und London. Er wurde zunächst auf den Lehrstuhl für Pathologische Anatomie seiner Heimatuniversität berufen, ehe er 1905 eben dort - nun schon 53jährig - den Lehrstuhl für Ophthalmologie übernahm. Genetische und teratologische Themenstellungen aus der Augenheilkunde, in Sonderheit zu den Kolobombildungen des Sehorgans, weisen ihn in seinen Publikationen als einen hervorragenden Wissenschaftler aus. Sein Ausbildungsweg und die Resultate seiner Forschungen lassen den Einfluß und die Notwendigkeit von Kenntnissen aus den Grenzgebieten der Augenheilkunde erkennen /6/.

Die keimende Spezialisierung innerhalb der Ophthalmologie um die Wende zum 20. Jahrhundert findet sich nun in der Teratologie selbst wieder. Das weite Feld der Schielkrankheit wird allmählich zu einem eigenständigen Bereich. Bei den angeborenen Motilitätsstörungen gilt Alexander Duane (1855 - 1926) als Spezialist, dessen Retraktionssyndrome aktuell geblieben sind und dessen klassisches Werk „Motor Anomalies of the Eye" 1897 erschien /2/.

Im ersten großen deutschen Handbuch der gesamten Augenheilkunde, begründet von Alfred Graefe und Theodor Saemisch, wurden die Motilitätsstörungen von Alfred Graefe (1830 - 1897) selbst, das Kapitel „Die Mißbildungen und die angeborenen Fehler des Auges", in der zweiten Auflage von Eugen v. Hippel (1867 - 1939) bearbeitet /9/.


Skizzen zur jüngeren Vergangenheit

Sie ist noch zu sehr in unserer Erinnerung, als daß es notwendig wäre, Einzelheiten wachzurufen. Die Ophthalmoteratologie ist reich an Facetten geworden, und groß ist die Schar derer, die sich auf diesem Gebiet mehr oder weniger sporadisch versuchen, gering die Zahl derjenigen, die sich dieser Arbeit ihr Leben lang voll verschrieben haben. Die deskriptive Untersuchung, die Kasuistiken, sind in den Hintergrund getreten, von der Molekularbiologie u. a. verdrängt. Die Erinnerung an einige Namen von Rang, auf deren fundierte Arbeit die moderne Wissenschaft aufbaut, sollte stellvertretend für andere wachgehalten werden. Zu denken ist an

- Hale (1935), der tierexperimentell Anophthalmie und Mikrophthalmie ursächlich auf einen Vitamin-A-Mangel während der Gravidität zurückführen konnte /8/.

- Gregg (1892 - 1966), der die Gefahr der Rötelninfektion im 1. Trimenon für Augen, Herz und Ohr erkannte.

- I. Mann (1893 - ), verheiratete Gye, wegen ihrer grundlegenden Untersuchungen zur Embryologie des Auges und ihre Monographien „The Development of the Eye" und „Developmental Anomalies of the Eye" /12, 13/.

- Waardenburg (1866 - 1979), Franceschetti (1896 - 1968) und Klein, die mit der Herausgabe des zweibändigen Werkes „Genetics in Ophthalmology (1961 - 1963) eine bisher kaum übertroffene Leistung auf diesem Spezialgebiet erbracht haben /19/. Man muß herausstreichen, daß Waardenburg diesen umfassenden Beitrag im genannten Handbuch und seine bereits 1932 erschienene Monographie „Das menschliche Auge und seine Erbanlagen" als niedergelassener Augenarzt in Arnheim, einer kleinen Stadt in Holland, schrieb und ihm nicht, wie seinen Koautoren, der unterstützende Apparat einer Universitätsklinik zur Verfügung stand. Franceschetti, dessen Geburtstag heuer zum 100. Mal wiederkehrt, wurde 1933 zum Professor für Ophthalmologie berufen und war Direktor des schweizerischen Institutes für Humangenetik.

- Günther Badtke (1910 - 1967) (Abb. 5, dessen Arbeit der verstärkten Zuwendung zur peristatischen Mißbildungsforschung in der Augenheilkunde galt. Sein Lebenswerg gipfelte in den Beiträgen zum 3. deutschsprachigen Handbuch über „Die normale Entwicklung des menschlichen Auges" und „Die Mißbildungen des menschlichen Auges". Hierfür wurde ihm 1966 der „Graefe-Preis der DOG" zuerkannt.

- François (1907 - 1984), Inaugurator zahlreicher Syndrome mit Augenbeteiligung und umfangreicher Beiträge zur Grundlagenforschung. Seine wissenschaftliche Tätigkeit bleibt nach Zahl und Inhalt der Publikationen bislang unerreicht.

 

Beachtet man die Epidemiologie, die pathogenetische Zusammensetzung der Krankheitsbilder unter jenen Patienten mit ungünstiger Prognose für eine Verbesserung ihrer Sehschärfe, denkt man an die Blinden- und Sehschwachen-Schüler, so rücken in unseren Tagen die Folgen gestörter Entwicklung des Sehorgans bedrückend in den Vordergrund. Damit sind wir aufgerufen, den hier kurz umrissenen Weg einer Subdisziplin weiter zu gehen, mit neuen Methoden zu neuen Ergebnissen zu kommen und dort, wo es jetzt noch aussichtslos erscheint, zu helfen.


Literatur

 

Ammon, F. A. v.: Klinische Darstellungen der Krankheiten der Augenlider, der Augenhöhle und der Tränenwege nach eigenen Beobachtungen und Untersuchungen zum Selbststudium und zum Unterrichte. G. Reimer, Berlin, 1838 - 1841

Duane, A.: Motor Anomalies of the eye. 1897

Duke-Elder, St.: System of ophthalmology. Vol III Part II 1964, Vol VII 1962 Henry Kimpton, London

Duke-Elder, St. u. Ch. Cook: System of ophthalmology. Vol III Part I 1963, Henry Kimpton, London

Duke-Elder, St. u. P. A. MacFaule: System of ophthalmology. Vol XIII Part I 1974, Henry Kimpton, London

Duyse, D. v.: Encyclopédie Francaise d’Ophtalmologie

Fleischmann, F.L.: Bildungshemmungen der Menschen und Thiere. J. L. Schray, Nürnberg 1833

Hale, F.: The relation of vitamin A to anophthalmos in pigs. Amer. J. Ophthal. 18, 1087, 1935

Hippel, E. v.:Die Mißbildungen und angeborenen Fehler des Auges. In: Graefe-Saemisch: Handbuch der gesamten Augenheilkunde, 2. Auflage, Bd. 2,1909

Hirschberg, J.: Geschichte der Augenheilkunde. Bd. 14. In: Graefe-Saemisch: Handbuch der gesamten Augenheilkunde. W. Engelmann, Leipzig, 1911

Holländer, E.: Wundergeburt und Wundergestalt. Ferdinand Enke Stuttgart 1921

Mann, I.: The development of the human eye. Grune and Stratton, New York 1950

dslb.: Developmental abnormalities of the eye. Cambridge University Press 1937

Meckel, J. F.: Handbuch der pathologischen Anatomie. Leipzig 1812 - 1818

Schön, A.: Handbuch der pathologischen Anatomie des menschlichen Auges. Hoffmann u. Campe, Hamburg 1828

Schumacher, G.-H., J. Fanghänel, T. V. N. Persaud: Teratologie. G. Fischer Jena, Stuttgart, New York 1992

Seiler, B. W.: Beobachtungen ursprünglicher Bildungsfehler und gänzlichen Mangels der Augen. Dresden 1833

Tost, M.: In: K. Velhagen: Der Augenarzt, Bd. XI, 2, ergänzte und überarbeitete Auflage, Thieme Leipzig 1986

Waardenburg, P. J., A. Franceschetti, D. Klein: Genetics in Ophthalmology 1961-1963, van Gorcum, Assen 1961 - 1963

 

 

Korrespondenzadresse:

Prof. em. Dr. med. Manfred Tost
Univ.-Augenklinik
Magdeburger Straße 8
06097 Halle

 



Zurück zum Anfang
Zur JHG-Homepage